Südostasien
Turbo-lenzen
Die Finanzkrise Südostasiens
von Walden Bello
Noch vor einem dreiviertel Jahr galt Südostasien als die Wachstumsregion schlechthin. Doch seit Herbst dieses Jahres hat sich das Bild gewandelt: Turbulenzen auf den Finanzmärkten lassen die Blätter der Wirtschaftsblüte welken. Die einstige Wachtumsregion ist zur Krisenregion mutiert. Noch ist das Ausmaß der Krise nicht abzusehen. Die Ursachen jedoch lassen sich benennen.
Die Krise, die jetzt Südostasien trifft, ist nicht nur ein flüchtiges Ereignis, von dem sich die Region erholen wird, sobald Kapital zurück in die Wirtschaften der Tigerstaaten fließt. Es ist die Krise eines Entwicklungsmodells, welches von immensem Zufluß ausländischen Kapitals abhängig ist und von der Illusion geleitet wird, daß »Staaten den normalerweise langen und mühsamen Weg zu einem fortschrittlichen Status überspringen könnten, indem sie einfach ihren Zugang für ausländischen Kapitalzufluß maximal ausweiten«1. Wenn man das Modell im Detail betrachtet, zeigt sich, daß darin der Schlüssel zur momentanen Krise liegt. Mehr als die Schwellenländer Ostasiens sind diejenigen in Südostasien in ihrem ökonomischem Wachstum abhängig von ausländischem Kapitalzufluß geworden. Die erste Phase dieses Prozesses begann Mitte der 80er, als ein massiver Kapitalzufluß aus Japan eindrang, die Region aus ihrer Rezession riß und ein Jahrzehnt hohen Wachstums auslöste. Infolge der Plaza-Übereinkunft von 1985, welche den Yen drastisch gegenüber dem Dollar aufwertete und damit die Japaner zwang, Billigproduktionsstätten außerhalb Japans zu suchen, um auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, flossen zwischen 1986 und 1990 um die 15 Milliarden Dollar aus japanischen Direktinvestitionen in die Region. Dieser finanzielle Zustrom brachte nicht nur Milliarden japanischer Hilfe und Bankkapital, sondern auch noch zusätzliches Kapital aus den Schwellenländern der ersten Generation, Taiwan, Korea und Hong Kong.
Jedoch flachten in den frühen 90er Jahren die japanischen Direktinvestitionen ab oder versiegten wie im Falle Thailands ganz. Zu dieser Zeit waren die südostasiatischen Länder schon abhängig von ausländischen Investitionen. Die politischen und ökonomischen Eliten Südostasiens sahen sich mit der Herausforderung konfrontiert, die große Kluft zwischen den begrenzten Ersparnissen der ASEAN-Staaten und den enormen Investitionen zu schließen ? Investitionen, die sie für ihre Strategie des Turbokapitalismus (»fast track capitalism«) benötigten, der aus ihrer Sicht die Kombination von Wohlstand, Entwicklung für alle und politische Stabilität hervorbringen würde.
In den frühen 90er Jahren eröffnete sich eine zweite Quelle ausländischen Kapitals. Dies waren die gewaltigen Summen persönlicher Ersparnisse, Pensionsvermögen, Firmenrücklagen und anderer Vermögen, die in gemeinsamen Fonds und anderen Investitionsinstitutionen hinterlegt waren, mit dem Ziel, ihren Wert durch Plazierung in äußerst gewinnbringende Unternehmen zu maximieren. Diese Fonds, größtenteils amerikanischer Herkunft, wären jedoch nicht ohne ein günstiges Klima zur Vefügung gestanden. Um sie anzulocken entwickelten die Finanzmanager in ganz Südostasien Verfahren und Strategien, die drei gemeinsame Schlüsselelemente beinhalten: Zunächst eine Finanzliberalisierung, d.h das Ausschalten von Devisenbeschränkungen und anderen Einschränkungen auf den Zufluß und Abfluß von Kapital. Die Börsen öffneten sich für ausländische Portfolio-Investoren. Ausländische Banken durften nun umfassender in den inländischen Bankgeschäften agieren, und andere finanzielle Sektoren, wie die Versicherungsbranche, wurden für ausländische Mitspieler freigegeben. Zweitens die Aufrechterhaltung hoher inländischer Zinsraten in Bezug zu Zinsraten in den USA und anderen Weltfinanzzentren, um Spekulationskapital anzuziehen, das die Gewinnspanne von 5-6% in New York gegenüber 12-15% in Manila oder Bangkok ausnutzen konnte. Und drittens die Fixierung der Wechselkurse zwischen lokaler Währung und dem Dollar, um das Risiko, welches aus den Wertschwankungen der »weichen Währungen« in der Region resultiert, für ausländische Investoren auszuschalten oder zu reduzieren. Diese Garantie war notwendig, wenn Investoren im regionalen Markt ihre Dollars in Pesos, Baht oder Rupiah eintauschten, an die Börse gingen oder ertragsreiche Regierungsobligationen kauften und ihr Kapital und ihre Profite dann zurück in Dollars wechselten und zu neuen Märkten transferierten.
Natürlich war die Mischung aus Finanzliberalisierung, Zinssatzpolitik und Wechselkurspolitik in den verschiedenen Ländern unterschiedlich. Doch erfolgreich war sie allemal. Es gelang ihr, ausländische Investitionen und Finanzkapital anzuziehen. Vor allem die Amerikaner waren in diesem Spiel äußerst aktiv. Sie versorgten die Region in den letzten Jahren durch gemeinsame US-Fonds mit Nettokapital in Höhe von vier bis fünf Milliarden Dollar jährlich.
Siamesische Zwillinge
In Thailand belaufen sich die Netto-Portfolio-Investitionen oder der Spekulationskapitalzufluß auf ungefähr 24 Milliarden Dollar. Weitere 50 Milliarden Dollar kamen in Form von Anleihen über die Bangkok International Banking Facility (BIBF). Diese erlaubte ausländischen und lokalen Banken Dollaranleihen zu viel geringeren Zinssätzen als denen der Bahtanleihen zu tätigen. Durch die große Spanne ? um die 600 bis 700 Basispunkte ? zwischen US Zinssätzen und Zinssätzen der Bahtanleihen, konnten inländische Banken im Ausland Geld leihen und trotzdem einen hohen Profit erzielen, indem Kredite an einheimische Kunden zu niedrigeren Sätzen als bei Bahtanleihen vergeben wurden.
Thailändische Banken und Finanzunternehmen hatten keine Probleme, im Ausland Kredite aufzunehmen. Mit der zusätzlichen Sicherheit, eine Wirtschaft vorweisen zu können, die eine durchschnittliche Wachstumsrate von zehn Prozent per annum erreicht ? die weltweit höchste zwischen 1985 bis 1996 ?, wurde Bangkok ein Markt für Gläubiger. Der rasante Kapitalzufluß aus dem Ausland alarmierte weder die Weltbank noch den IWF, obwohl kurzzeitige Verbindlichkeiten 1995 die Hälfte der 83 Milliarden Dollar Auslandsschulden Thailands ausmachten. Die Weltbank und der Fonds waren wegen der guten Konjunkturlage in der Tat nicht sehr beunruhigt, als die Auslandsschulden extrem anstiegen und das Zahlungsbilanzdefizit Mitte der 90er Jahre auf sechs bis acht Prozent des Bruttoinlandprodukts (GDP) wuchs. Noch 1994 ließ die Weltbank offiziell verlautbaren, daß Thailand ein herausragendes Beispiel darstelle, welche Dividenden durch außengerichtete Orientierung, Aufnahmefähigkeit von ausländischen Investitionen, eine marktfreundliche Philosophie, durch konservatives makroökonomisches Management und vorsichtige Kreditpolitik erzielt werden können. Erst 1996 äußerte der IWF einige Bedenken bezüglich der riesigen Kapitalströme, gleichzeitig aber pries er noch immer die thailändischen Autoritäten für ihre »konsequent guten Ergebnisse der intakten makroökonomischen Managementpolitik«2. Obwohl der IWF »einen größeren Grad der Wechselkursflexibilität empfahl«3, gab es keinen Ratschlag, den Baht frei fließen zu lassen. Die Selbstgefälligkeit der Bretton Woods Institutionen hinsichtlich Thailand und ihr Versäumnis, die Warnsignale richtig einzuschätzen, wird von einigen Analytikern darauf zurückgeführt, daß nicht die Regierung für die Probleme verantwortlich sei, sondern der private Sektor. Die hohen Zahlungsbilanzdefizite der frühen 90er Jahre fielen mit dem Überschuß des Regierungsbudgets zusammen.
Auch auf den Philippinen waren die Technokraten in den frühen 90er Jahren äußerst hungrig auf ausländisches Kapital, nachdem das Land bis Ende der 80er Jahre vom massiven Zufluß japanischer Investitionen in die südostasiatische Region ausgeklammert worden war. Ebenfalls gierig danach, in vorderster Reihe der asiatischen Tiger mitzumischen, betrachteten sie Bangkok als ein nachahmenswertes Beispiel. Innerhalb der nächsten Jahre wurden die Philippinen, was die makroökonomische Strategie betrifft, zum siamesischen Zwilling Thailands. So lockte die Formel der Finanzliberalisierung, der hohen Zinssätze und eines künstlich festgesetzten Wechselkurses zwischen 1993 bis 1997 Netto-Portfolio-Investitionen im Wert von etwa 19,4 Milliarden Dollar ins Land. Die Dollaranleihen mit Hilfe der Devisenreserven (Foreign Currency Deposit Units ? FCDU?s) ? Manilas Gegenstück zur Bangkok International Banking Facility ? stiegen Ende 1993 von zwei Milliarden Dollar auf 11,6 Milliarden Dollar im März 1997. Durch das Einfrieren des Peso wurden US-Dollar bis zu 600 Basispunkte billiger als der protektionierte Pesokurs der BSP (Zentralbank) angeboten. Wären die ausländischen Kapitalzuflüsse in die wirklich produktiven Wirtschaftssektoren Industrie und Landwirtschaft eingegangen, dann wäre die Geschichte wohl anders verlaufen. Aber stattdessen wurde hauptsächlich in den spekulativen Finanz- und Grundstückssektor an der Börse und in Immobilien investiert, die als die attraktivsten Sektoren für eine hohe Gewinnausschüttung innerhalb kürzester Zeit galten.
In der Tat fungierte der vorhergesagte Immobilienboom vor allem durch den Abzug des Kapitals aus den Industrien in Thailand und den Philippinen: Viele Unternehmen investierten ihre Profite nicht in die Verbesserung ihrer Technologie oder in die Weiterbildung ihrer Arbeitskräfte, sondern verspielten große Teile durch Immobilien- oder Börsenspekulationen. Der Zufluß ausländischer Portfolio-Investitionen und Immobilienanleihen führte zu einem hektischen Treiben, welches ein massives Überangebot an Wohn- und Gewerbeobjekten von Bangkok bis Jakarta zur Folge hatte. Ende 1996 blieben in Bangkok neue Wohn- und Geschäftsimmobilien in einem geschätzten Wert von 20 Milliarden Dollar unverkauft, und immer noch übersäen Baukräne die Landschaft, da Stadtplaner sich auf die Fertigstellung neuer Hochhäuser stürzen. In Manila steht nicht länger die Frage zur Debatte, ob es eine Schwemme in der Immobilienbranche gibt. Die Frage ist vielmehr, wie groß sie schlußendlich sein wird. Ein Investitionsanalytiker prognostiziert, daß im Jahr 2000 das Angebot von Wohnhochhäusern die Nachfrage um 211 Prozent übersteigen und das Angebot von Gewerbeobjekten um 142 Prozent über dem Bedarf liegen wird. Tatsächlich bemühen sich nun die Immobilienplaner, ihre Verluste auszugleichen oder zu reduzieren, indem sie Milliarden Dollar in Ferienanlagen und Golfplätze investieren4.
Für die Handelsbanken in Thailand, den Philippinen, Malaysia und Indonesien waren dies schlechte Nachrichten, da sie sich, was Immobilienkredite betrifft, in exponierter Stellung befinden. Prozentual gesehen beläuft sich die Gesamtbeteiligung der Handelsbanken bei Immobilien- oder ähnlichen Krediten im Falle der Philippinen und Thailand auf 15 bis 20 Prozent und 20 bis 25 Prozent in Malaysia und Indonesien. In Thailand wird angenommen, daß sie bis zu 40 Prozent der gesamten Bankkredite ausmacht5. Außerdem wird vermutet, daß die Hälfte dieser Kredite gewinnbringend ist6.
Das massive Überangebot im Immobiliensektor und die Erkenntnis, daß viele Finanzunternehmen, die große Anleihen aufgenommen hatten, Obligationen in Umlauf brachten oder Wertpapiere (»equities«) an ausländische Portfolio-Investoren und Banken verkauften, brachte Anfang 1997 die ausländischen Investoren dazu, ihre Situation im Land nochmals zu überdenken. Als sie feststellten, daß die Immobilienschwemme mit der sich verschlechternden makroökonomischen Lage des Landes zusammenhing, gerieten sie in Panik und zogen sich aus dem Geschäft zurück. Das Zahlungsbilanzdefizit war auf 8,2% des Bruttoinlandsprodukts (GDP) gestiegen ? ein ähnlicher Wert wie in der mexikanischen Krise im Dezember 1993 -, die Exportwachstumsrate 1996 auf Null gesunken und die Auslandsschulden hatten sich in nur wenigen Monaten auf 89 Milliarden Dollar verdoppelt.
Dieser Rückzug aus Thailand bedeutete den Verkauf von Billionen Bahts gegen Dollar. Das Ergebnis war natürlich ein gewaltiger Druck auf den Wert des Baht. Dies zog Spekulanten an, die auf Profit durch gut getimte Einkäufe und Geschäfte mit Baht und Dollar aus waren. Die Bank von Thailand versuchte den Baht zu einem Wert von ungefähr 25 Baht pro Dollar zu verteidigen, aber der Ansturm ausländischer Investoren, den sich die Spekulanten zunutze machten, war einfach zu stark. Die Zentralbank verlor neun ihrer 39 Milliarden Dollarreserven, bevor sie am 2. Juli ganz kapitulierte und den Baht freigab. Das gleiche Drama spielte sich in Manila, Jakarta und Kuala Lumpur ab, wo die gleiche makroökonomische Strategie die gleichen Fehler und Schwächen produziert hatte. Diese Schwachstellen einer makroökonomischen Entwicklungsstrategie, die auf riesige Kapitalzuflüsse gebaut hatte, schufen die regionale Finanzkrise. Spekulanten nutzten ganz einfach eine Entwicklungskrise aus, die in der Hauptsache selbstverursacht war. [Malaysias Premier Mahathir Mohammed hatte den US-amerikanischen Juden George Soros als Anführer eines »jüdischen Fahrplans« für die Krise verantwortlich gemacht und eine »jüdische Verschwörung« gewittert. Anm. d. Red.]
Strategischer Rückzug
Trotz der Erklärungen einiger südostasiatischer Regierungen, es sei nur eine kurzzeitige Krise, ? eine Phase im normalen Auf und Ab des globalen Kapitals ? gibt es einen strategischen Rückzug von Finanzkapital aus der südostasiatischen Region. Die neuen Lieblinge der Fondsmanager sind die lateinamerikanischen Märkte, die um durchschnittlich fast 40% angestiegen sind, als die asiatischen Märkte fielen. Wie die Financial Times erwähnt, betrachten die Fondsmanager die Entwicklung der brasilianischen Wertpapiere (»equities«), die seit Ende des Jahres um 70% stiegen, als sehr positiv. Ebenso die russischen, die sich seit Anfang des Jahres mehr als verdoppelt haben, und die chinesischen »Red Chips«, die sich um 90% erhöht haben7. Kapitalbewegungen werden, im Gegensatz zur doktrinären Ansicht des Freien Marktes, von einer Mischung aus Rationalität und Irrationalität diktiert. Wie der Stellvertretende Direktor des IWF kürzlich während des jährlichen Weltbank-IWF-Treffens in Hong Kong zugab, sind »Märkte nicht immer im Recht. Manchmal sind die Zuflüsse übermäßig, und manchmal werden sie zu lange angehalten. Märkte tendieren dazu, spät zu reagieren; aber dann reagieren sie oft zu schnell, manchmal übertrieben schnell.«8 Aber eins ist gewiß: Ausländisches Kapital ist nicht so irrational, in naher Zukunft nach Südostasien zurückzukehren.
Wahrscheinlicher ist das Szenario einer andauernden Krise, wie es der Vorsitzende von Salomon Brothers Asia Pacific , einer der wichtigsten »Global Players« in der asiatischen Investitionsszene, entwarf. Die gemeinsamen US-Fonds, die die Region mit neuem Nettokapital in Höhe von vier bis fünf Milliarden Dollar pro Jahr versorgt hatten, zögen sich infolge der düsteren Investitionsaussichten zurück. Die Instabilität der Währung werde sieben bis zwölf Monate andauern, wenn die vorherigen Erfahrungen aus Mexiko, Finnland und Schweden als Anhaltspunkte genommen werden. In dieser Zeit gäbe es wenig inländische Nachfrage und einen Rückgang des Bruttosozialprodukts.
Eine weitere Frage, die in Erwägung gezogen werden muß: Werden ausländische Direktinvestoren dem Ruf der Banken und Portfolio-Investoren folgen und ihr Kapital aus der Region abziehen? Aufgrund des langsamen Wachstums der regionalen Exporte und der Ausweitung der deflationären Tendenzen ist es wahrscheinlich, daß Fremdinvestoren davor zurückschrecken, Engagement zu zeigen. Ford und GM zum Beispiel bereuen jetzt sicherlich ihre Entscheidung von 1996, große Automobilmontageanlagen in Thailand aufzustellen, um Fahrzeuge auf den damals scheinbar ins Unendliche wachsenden südostasiatischen Markt zu bringen. Es ist jedoch noch nicht klar, wie die japanischen Direktinvestoren reagieren werden. Einige Analytiker meinen, daß neue Investitionszuflüsse aus Japan eher nicht reduziert werden, da dort weiterhin die Strategie verfolgt werde, sich in Südostasien eine integrierte Produktionsbasis zu schaffen. Es wird darauf hingewiesen, daß sich allein in Thailand mehr als 1100 japanische Unternehmen niedergelassen haben. Nur eine massive wirtschaftliche Abwärtsbewegung könnte dieses Fundament einreißen. Ein japanischer Geschäftsführer drückte es so aus: »Japanische Investitionen sind eine langfristig angelegte Strategie, in der Investitionen sich auf einer Jahr-zu-Jahr-Basis steigern. Ich denke nicht, daß eine 10 bis 20 prozentige Abwertung japanische Investoren zu einer Veränderung ihrer Investitionsstrategie in Thailand zwingen wird.« [Ironie des Schicksals: Die Yamaichi Securities, von der die Rede ist, hat kurze Zeit später Konkurs angemeldet. Anm. d. Red.]
Jedoch gibt es in der jetzigen Situation ein neues kritisches Moment, welches die Lage anders aussehen läßt als in den frühen 90er Jahren. Zunächst einmal haben die japanischen Anlagestrategien Südostasien in den letzten Jahren nicht nur als Exportplattform für Drittländermärkte betrachtet. Zunehmend werden die blühenden Mittelklassemärkte der Region selbst ausgebeutet ? und es wird angenommen, daß diese Märkte stark schrumpfen werden. Aufgrund der Rezession in Japan wird es zweitens schwierig werden, die Produktion der südostasiatischen Märkte dorthin umzuleiten. Schließlich wird es kaum möglich werden, die Produktion wieder auf die USA zu lenken. Washington hatte Japan bereits davor gewarnt, den Ausweg aus seiner Rezession im Export zu suchen. Schließlich vertreten amerikanische Produzenten die These, die Handelsüberschüsse der südostasiatischen Wirtschaften seien häufig Überschüsse japanischer Firmen, die in die Region umgesiedelt sind. Sie fordern, diese den offiziellen Handelsüberschüssen Japans gegenüber den USA zuzurechnen. Japan könnten also beträchtliche Überkapazitäten aus seinen südostasiatischen Industrien aufgebürdet werden. Dies würde einen signifikanten Rückgang der Kapitalverpflichtungen auslösen. Toyota kündigte bereits die Einstellung von Neuinvestitionen in Thailand an. Solche Entwicklungen würden die regionale Rezession weiter vertiefen und verlängern.
Liberalisierung ? vor oder zurück
Wird die Krise in einen Fortschritt oder in einen Rückzug der Wirtschaftsliberalisierung münden? Während viele asiatische Wirtschaftsmanager sich auf die Position festlegten, daß die schwache Kontrolle über den internationalen Kapitalstrom eine der Hauptursachen der Währungskrise sei, nehmen amerikanische offizielle Stellen und Volkswirte genau die entgegengesetzte Position ein: Die unvollständige Liberalisierung sei die Kernursache der Krise9. Die feste Wechselkursbindung, so die nordamerikanischen Analytiker, sei die Hauptursache. Bequemerweise wurde dabei vergessen, daß viele Portfolio-Investoren die Stabilität, die die festen Wechselkurse gebracht haben, hervorgehoben haben. Nicht einmal der IWF setzte sich für eine reale Freigabe der Dritte-Welt-Währungen ein, weil das inflationären Druck und andere Formen ökonomischer Instabilität bewirken könnte. Aber die Vereinigten Staaten fordern neben frei konvertierbaren Währungen auch beschleunigte Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung des Güter- und Dienstleistungshandels. Viele amerikanische Kapitalgesellschaften sehen Südostasien ? was die ökonomische Orientierung betrifft ? als eine der am meisten protektionierten und staatlich gesteuerten Regionen der Welt an.
Früher ermöglichte der ökonomische Einfluß den südostasiatischen Ländern, sich den Forderungen Washingtons nach schnellerer Handelsliberalisierung erfolgreich zu widersetzen. Washingtons Kampagne, die Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) in eine freie Handelszone zu transformieren, wurde tatsächlich zum Entgleisen gebracht10. Aber mit der veränderten Situation könnte Washington über den IWF die Liberalisierung vollenden. Dieser Prozeß war in den späten 80er Jahren infolge des Füllhorns der japanischen Investitionen abgebrochen worden (mit der bedeutenden Ausnahme der Finanzliberalisierung). Tatsächlich haben die thailändischen Autoritäten auch ohne Ansporn von Washington alle Begrenzungen für ausländischen Besitz an thailändischen Geldhäusern aufgehoben, um ausländisches Kapital im Land zu halten. Sie haben eine noch liberalere Gesetzgebung für Fremdinvestitionen vorangetrieben, um Ausländern die Möglichkeit zum Grunderwerb zu verschaffen. Jakarta hat die 49%-Grenze für ausländische Anleger, Anteile in öffentlich registrierten Firmen zu kaufen, abgeschafft11. Unter der Vormundschaft des IWF sind die Philippinen bereits das am meisten strukturell angepaßte Land in Ostasien, und Thailand befindet sich jetzt in einem Prozeß der radikalen Liberalisierung durch den IWF. Wie häufig vorausgesagt, hat sich auch Indonesien in diese Schlange eingereiht. Es sieht so aus, als beginne für Südostasien durch die IWF- geleiteten Strukturanpassungen eine Ära mit minimalem oder schwankendem Wachstum. Eine Ära, wie sie Lateinamerika und die Philippinen bereits in der Zeit von 1980 bis 1993 aufgezwungen wurde.
Anmerkungen:
1 »Times for less Hectic Growth«, Business Times (Singapur), 20.8.1997.
2 Zitiert in Robert Chote: »Thai Crisis Highlights. Lessons of Mexico.« Survey, Financial Times, 19.9.1997, S.16.
3 World Bank Development Report, 1994. Zitiert in Jayat Ghosh, Abhijit Sen und C.P. Chendrasekar: »Southeast Asian Economics: Miracle or Meltdown?«, Economic and Political Weekly, 12.-19.10.1996, S. 2779.
4 All Asia, zitiert in Sheila Oviedo and H.F.: »Will Real Estate Go Bust ?«, International Herald Tribune, 16.5.1997.
5 »Of Currency Crisis and Financial Stability in Southeast Asia,« Internal memo of Investment firm requesting anonymity, 18.9.1997.
6 »Funds Rushed to Help Developers«, The Nation, 14.5.1997, S.B1.
7 A Ride on the Rollercoaster«, Financial Times, 12.7.1997.
8 Stanley Fischer: »Capital Account Liberalization and the Role of the IMF.« Paper presented at the »Asia and the IMF Seminar«, Hong Kong, 19.9.1997, S.4.
9 Alan Friedman: »Globalization Theory Vaults into Reality«, International Herald Tribune, 26.9.1997.
10 Siehe Walden Bello and Joy Chavez-Malaluan, eds., APEC: Four Adjectives in Search of a Noun (Manila: Manila?s People?s Forum on APEC, 1996).
11 Derwin Pereira: »Jakarta?s Rescue Deal ?a Bold Step?«, Straits Times, 5.9.1997.
Walden Bello ist Professor für Soziologie und Public Administration an der University of the Philipines und Co-Direktor des Focus of Global South, einem Programm für Politikforschung, Analyse und Aktion des Chulalongkorn University Social Research Institute in Bangkok. Er arbeitet über Wirtschaft, Politik und Sicherheit in Ostasien. Demnächst erscheint sein Buch: A Siamese Tragedy: Development and Disaster in Modern-Day Thailand.
Der von Simone Königer übersetzte und von der Redaktion gekürzte Text ist ein Vortrag, den Walden Bello während der Tagung »Asien und Europa ? Dialog oder Zusammenprall der Kulturen« gehalten hat. Eine komplette Dokumentation der vom Asienhaus Essen in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung vom 31.10. ? 2.11.1997 in Soest veranstalteten Tagung wird Ende des Jahres erhältlich sein. Bestellungen beim Asienhaus Essen, Bullmannaue 11, 45327 Essen, Tel. 0201/ 8303838. |