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(Artikel * 1997) die Redaktion
Vom Himmel hoch... Terror
in Blätter des iz3w Nr. 226 * Seite 3 - 3
Themen: Terror * Dok-Nr: 130946
Editorial

Vom Himmel hoch...

»Terroristen fallen nicht vom Himmel« heißt der Titel eines gerade erschienenen Buches zu Politik und Gesellschaft in Algerien. Das ist so richtig, wie die Erde rund ist ? und dennoch ist Galileo für letztere Erkenntnis im Kerker gelandet. Im Namen von vielerlei Überzeugungen und Ideologien geschieht massenhafter Mord und Totschlag in jedem Staat, auf der ganzen Welt und immer wieder. Und obwohl also keine Zivilisation vor der Barbarei gefeit ist, ist Fassungslosigkeit die erste Reaktion auf die Meldung neuerlicher »Untaten«. Später wollen uns dann historische, politische oder psychologische Analysen einen Zugang verschaffen und das Unerklärliche erklären. Schlußendlich bleiben die Versuche hilflos.

Hilflos erschienen zuletzt auch die Bemühungen, die Brutalität und Menschenverachtung des Anschlags im ägyptischen Luxor zu erklären. Zwar wurden Armut und Perspektivlosigkeit als Nährboden für Taten ausgemacht, mit denen wohl 99,9% der ägyptischen Bevölkerung nichts zu tun haben wollen. Dennoch stehen wieder die Abgründe menschlichen Handelns am Ende der Rationalisierungsversuche ? schließlich werden nicht alle Armen und Unterdrückten zu Amokläufern.
Die damit aufrechterhaltene Distanz erfüllt einen Zweck: Kaum jemand möchte mit der allzumenschlichen Unmenschlichkeit allzu nah konfrontiert werden. Also führt die in Sondersendungen und am Kaffeetisch angestrengte Erklärungssuche möglichst weg vom Betrachter selbst wie vom gesellschaftlichen Kontext. Abgedrängt in die entferntesten Ecken kann dort das Grauen Grauen bleiben. So geschehen mit dem Terror in Algerien und Ägypten: Dort sind ? so will es die inzwischen auch in linksliberalen Kreisen modische Argumentation ? Armut und Verbitterung hausgemacht. Kein Wort fällt bei dieser Halbwahrheit über Kolonialismus, Postkolonialismus, Liberalisierung, Sozialabbau und die andauernde Unterstützung solcher mehr oder weniger mörderischen Regime, die in beiden Ländern die ordentliche Weltmarktintegration gewährleisten.
Diese Geschichte und diese Gegenwart begründen zudem, warum auch die zweite vorgenommene Distanzierung gleichermaßen Betrug und Selbstbetrug ist. Zwar mögen sich tatsächlich nahezu alle ÄgypterInnen besten Glaubens vom Terror distanzieren. Allerdings ist dieser nicht denkbar ohne die in den letzten Jahrzehnten durch die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des Landes angestoßenen Diskursverschiebungen. Die Radikalisierung der Verhältnisse bewirkte eine Radikalisierung des Denkens, an dessen äußerster Spitze ? von seiner Umgebung eben doch nicht losgelöst ? der Terror und seine Legitimation stehen.

Und um das Ganze noch ein wenig näher zu rücken: Ähnliche Verdrängungsprozesse finden gegenwärtig auch im Umgang mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, dem Deutschen Herbst, statt. Gleich reihenweise und in Serien distanzieren sich derzeit linke Leute möglichst öffentlich vom Terror der RAF. Die sei nämlich vom Rest der als »68er« oder wie auch immer zu etikettierenden Bewegung, zu der doch irgendwie gehört zu haben sich von ihnen leider kaum leugnen läßt, völlig isoliert und abgehoben gewesen. Nun galt jedoch damals in Deutschland, was heute in Ägypten und Algerien nicht zu verkennen ist. Der Terror fiel nicht vom Himmel wie im Herbst die Blätter von den Bäumen ? er war radikaler Bestandteil eines gesamtgesellschaftlichen Aufbruchs (im doppelten Sinn des Wortes).
Wenn also diejenigen, die damals noch teil an der sprichwörtlich gewordenen und tatsächlich weit verbreiteten »klammheimlichen Freude« hatten, heute so tun, als hätten sie nie dazu gehört, wiederholen sie doch nur einen Verdrängungsprozeß, den sie ihren Eltern einst vorgehalten hatten. Hinter solcherart betriebener Auslöschung von Vergangenheit steht kein Prozeß, sondern ein Ritual ? ein Vergangenheitsbewältigungsritual, das der Entsorgung persönlicher Schuldgefühle dient und einer, mittels öffentlicher Distanzierung erfolgenden, Initiation in staatstragende Kreise.

Die Vergangenheit aber, die wir möglichst weit hinter uns lassen oder zwecks Vergessen in den Himmel schießen wollen, fällt uns aus demselben wieder auf den Kopf (Majestix). Das führt uns eine andere literarische Figur vor. Den Dr. Faustus treibt Mephisto mit immer neuen Abenteuern von einem Vergessen in das nächste, um die Erinnerung zu tilgen, die seinem frisch gewonnenen »Freisein« entgegensteht. Schließlich vergißt sich Faust. Er stürzt Margarete ins Verderben und am Ende war sein Leben selbst »...so gut als wär? es nicht gewesen« (Mephisto).
die redaktion



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