Die Narben alter Kriegswunden
»Der Fall von Saigon war eine Selbstverständlichkeit«, schreibt die 1960 in Hanoi geborene Schriftstellerin Pham Thi Hoai in ihrem Vorwort zu dem von Heinz Kotte und Rüdiger Siebert in diesem Sommer veröffentlichten Buch Vietnam ? Die neue Zeit auf 100 Uhren, »der Krieg eine Auszeichnung und ich eine Tochter eines auserwählten Volkes, das gelitten und gesiegt hatte, um eine menschenwürdigere Welt aufzubauen. Der Stolz war kurzlebig, aber wir glaubten an eine lebenslange Garantie. Nach drei Monaten ließen die Umerziehungslager erste Zweifel aufkommen. Nach drei Jahren häufte sich mit den Steinchen in der täglichen Schale Reis die Enttäuschung. Nach fünf Jahren versank ein beträchtliches Guthaben an nationalem Stolz mit Hunderttausenden boat people im Meer. Der gewonnene Krieg sprach alles immer wieder frei. (...) Heute, 22 Jahre danach, ist die Welt anderswo vielleicht menschenwürdiger geworden ? mein auserwähltes Volk schreitet weiter einsam und unerschütterlich in Armut, Korruption und Unterdrückung voran.«
Diese recht nüchterne Bilanz bezieht sie auf einen Prozeß, der seinerzeit von zahlreichen Menschen inner- wie außerhalb Vietnams als Erfüllung solch hochgesteckter Erwartungen wie Unabhängigkeit und Befreiung in Würde antizipiert worden war. »Schafft zwei, drei, viele Vietnam!« hatte gar Ernesto Che Guevara der wachsenden antiimperialistischen Bewegung im Trikont empfohlen. In nahezu sämtlichen westlichen Metropolen skandierten derweil aufgebrachte GegnerInnen der US-amerikanischen Aggression in Indochina den Schlachtruf »Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!«, den Namen des Präsidenten Nordvietnams, der zur Ikone im Kampf gegen die selbsternannten Hüter von Freedom and Democracy mutierte.
Der Krieg in Indochina, in dem alles, was an damaliger Perfidie und Perversion ausgeheckt worden war, auch real durchexerziert wurde ? von bakteriologischer bis hin zu meteorologischer Kriegsführung ?, hat bis heute tiefe Narben hinterlassen. Dennoch sollte Vietnam, das sich erfolgreich gegen die mächtigste Kriegsmaschinerie des Imperialismus gewehrt hatte, damals zum Hoffnungsträger avancieren. Wer aber geglaubt hatte, in Vietnam vollzöge sich seit dem Frühling der Befreiung die Umgestaltung der Gesellschaft zu einer mit sozialistischem, zumindest menschlichem Antlitz, sollte schrittweise eines besseren belehrt werden. Wie so häufig zuvor in der Geschichte bot die Erlangung staatlicher Herrschaft längst keine Garantie für einen strukturellen Wandel in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
Nach der Wiedervereinigung des Landes und seiner Umbenennung in Sozialistische Republik Vietnam vertieften sich zudem die durch Überbetonung staatlicher Großprojekte bedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus ordnete man sich nach und nach dem Fetisch der Globalisierung unter. Das Resultat sind krasse soziale Unterschiede, ökonomische Disparitäten, konsumgelenktes Wachstum im Zeichen einer sogenannten sozialistischen Marktwirtschaft und die Verkrustung eines herrschenden Machtapparates. Diesen Prozeß nachzuvollziehen und dessen Konsequenzen im Alltagsleben der heute etwa 75 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung Vietnams zu schildern, ist das Anliegen der beiden Autoren.
Dem Buch kommt zugute, daß einer der beiden (H. Kotte) das Land nach langen Jahren wieder besuchte, in dem er von 1968 bis 1974, also auf dem Höhepunkt der US-Aggression, als Entwicklungshelfer weilte, während R. Siebert als Redaktionsleiter der Deutschen Welle zwar erstmalig in Vietnam war, jedoch zahlreiche andere Regionen Südostasiens häufig bereist und darüber ausführlich publiziert hat. Herausgekommen ist dabei ein Kaleidoskop, in dem sich vitale Alltagsszenen, farbenprächtige Landschaftsbeschreibungen, aufregende Porträts sowie die kleinen Wünsche und großen Sorgen einfacher Menschen im Landesinneren, in den von exzessivem Bauboom verschandelten Großstädten und in den ausgedehnten Küstenregionen spiegeln.
Am spannendsten sind die Momente, in denen sich die Autoren zurücknehmen und ihre vietnamesischen GesprächspartnerInnen aus Wissenschaft, Literatur, Religion, Wirtschaft und Politik ausführlich zu Wort kommen lassen. Erst recht dann, wenn es sich dabei um Personen handelt, die einst emphatisch und engagiert für das Projekt Befreiung eingetreten waren, Sozialismus als genuinen Humanismus verstanden und sodann ? auf höchst unterschiedliche Weise ? in die Mangel einer vergreisten Führungstroika um Do Muoi (Generalsekretär), Le Duc Anh (Präsident) und Vo Van Kiet (Premierminister) gerieten, die auch nach dem VIII. Parteitag der KPV (Juni 1996) Etatismus und neokonfuzianischen Habitus unbekümmert mit Sozialismus gleichsetzt.
Fazit: ein gelungener Wurf, der da aufs neue dem im Bereich des politischen Sachbuchs profilierten Verlag geglückt ist. Gewinnbringend ist die Lektüre gleichermaßen für Alt-68er wie Neugierige: »Eine ganze Generation«, so Kotte/Siebert, »wurde durch den Vietnamkrieg der sechziger und siebziger Jahre in ihrem Weltbild geprägt. Es wirkt und währt bei jenen 68ern weiter fort bis in die Gegenwart und setzt jede neuerliche Begegnung und Beschäftigung mit Vietnam in Bezug zur eigenen Biographie. So wie der Krieg eine Provokation war, sich mit Vietnam auseinanderzusetzen und den eigenen politischen Standort zu definieren, zu verteidigen, in Frage zu stellen, so ist nun der Frieden in Vietnam eine neue Herausforderung. Wer indes nach ?68 geboren wurde, kann sich Land und Leuten heutzutage unbefangen nähern. Es gilt, eine der spannendsten Regionen Asiens zu entdecken, Zeugnisse großer Kulturen zu verstehen, Landschaften von atemberaubender Schönheit zu durchstreifen und Menschen zu treffen, die nach Jahrzehnten der Bevormundung die neue Offenheit des Gedankenaustauschs zu schätzen wissen.«
Rainer Werning
Heinz Kotte / Rüdiger Siebert: Vietnam ? Die neue Zeit auf 100 Uhren, Göttingen 1997, Lamuv Verlag, 255 Seiten, 39,80 DM. |