Terrorökonomie
Wenn eine Streitschrift der »Jeanne d?Arc gegen die Kaufleute« ? gemeint ist Viviane Forresters Der Terror der Ökonomie ? keinen Streit auslöst, sondern nur einhelliges Lob von Jungle World bis Brigitte findet, wer möchte da nicht in die kapitalismuskritischen Töne einfallen? Das Buch schildert das »soziale Chaos einer Gesellschaft, deren Zukunft die Arbeitslosigkeit ist« und beklagt den Schrecken der Ökonomie. Allein, die Lektüre löst einiges Unbehagen aus.
Bereits im ersten Satz deutet sich die verschwörungstheoretische Weltsicht der Autorin an: »Wir leben im Zeichen einer meisterhaften Täuschung.« Wird zunächst der Gegensatz zwischen der »artifiziellen (künstlichen) Politik« und »uns«, die dann logischerweise nur nicht-artifiziell, also natürlich, sein können, aufgemacht, setzt sich diese Trennung in Gut und Böse, in Opfer und Täter bei der Suche nach den Schuldigen, den Subjekten der Täuschung und Propaganda fort. Opfer sind die Arbeitslosen innerhalb eines Systems, das die gute alte Arbeit abgeschafft hat; die Überflüssigen, deren Leben nutzlos für den Profit ist; die »?Ausgeschlossenen? (...) verwurzelt wie kaum andere«, die an anderer Stelle mit den kolonisierten Völkern, den Eingeborenen verglichen werden, denen in ihrer eigenen Heimat von den kolonialen Eroberern fremde Werte aufgezwungen wurden.
Und die Täter? Klar: Die »Spekulanten«, die »privaten Mächte«, die in anderen als jenen verwurzelten, bodenständigen Sphären der Bevölkerung damit beschäftigt sind, »mit Finanzwerten in Form von ?Derivaten? zu jonglieren, die keine reale, konkrete Basis mehr haben.« Schön war die Zeit, in der es noch richtige Unternehmer gab, in denen das Proletariat noch von »einem faßbaren Individuum aus Fleisch und Blut« im Schweiße seines Angesichts, also richtig arbeitend, ausgebeutet wurde. Heute sind die »privaten Mächte« »freier, motivierter, mobiler, unendlich viel einflußreicher«. Sie stehen über den politischen Instanzen der Nation, lenken als neue »Internationale« mit klug gewählten Waffen ? die Macht des Geldes, und nicht die Staatsgewalt ? die Geschicke der gesamten Menschheit. Allmächtig wie sie nun mal sind, waren sie es ? nicht etwa die neuen Medien ?, die Raum und Zeit abgeschafft haben. Allmächtig, abgehoben, wurzellos ? Attribute, die seit jeher den Juden zugeschrieben werden.
Forrester ?begreift? den modernen »globalen Kapitalismus« als das Resultat eines »gemeinschaftlichen Willens« einer Herrscherclique. Am deutlichsten offenbart sie ihr verschwörungstheoretisches Weltbild an den Stellen, an denen sie über die kapitalistische Konkurrenz schreibt. Konkurrenz und Wettbewerb seien lediglich eine »Alibi«veranstaltung, ein »Element des Spiels«, mit dem die Herrschenden die Bevölkerung täuschen. Aus der Sicht des »exklusiven Cubs« der Nutznießer der Konkurrenz, schreibt sie: »Diese Welt der Konkurrenz ist unsere eigene ? sie ist von uns heraufbeschworen, kontrolliert und gelenkt. Sie setzt alles durch, was wir verlangen. Sie ist unvermeidlich und ist eins mit uns, und wir wollen alles, können alles und nehmen uns alles, wobei wir alle am gleichen Strang ziehen«. Konkurrenz wird also nicht als ein dem Kapitalismus immanentes Strukturmerkmal verstanden, sondern als »erpresserisches Druckmittel«, das »alle an der Verschwörung Beteiligten« einsetzen, um die Masse zu täuschen.
Das Buch hat auch andere Seiten. Zum Beispiel wenn Forrester über das ausweglose Schicksal Jugendlicher in den Banlieues der französischen Großstädte schreibt. Oder die Gleichgültigkeit anprangert gegenüber den »Ausgestoßenen«, den Verdammten dieser Erde in den Metropolen des Nordens (die Obdachlosen, Sozi-Empfänger in Paris) und den verarmten, (ver)hungernden Menschenmassen im Süden, dem »Massensterben, das an Orten stattfindet, die nicht weiter von uns entfernt liegen als unsere gängigen Urlaubsziele«. Auch warnt sie vor den Folgen für die »Überflüssigen«, falls Demokratie von einem totalitären System abgelöst wird. Ohne die Politik der Nationalsozialisten explizit zu erwähnen, erinnert sie an deren Vernichtungsprogramm ? »schlüsselfertiger Völkermord«.
Doch trotz dieses Bewußtseins, durch das durchaus antisemitismuskritische Töne sprechen ? man denke etwa an die Definition des Antisemitismus nach 1945 von Detlev Claussen, derzufolge die Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern von Auschwitz, aber auch den Opfern »normaler« gesellschaftlicher Ausschlußpraxis modernen Antisemitismus kennzeichne ?, reiht sich Forresters Polemik gegen den Kapitalismus in die traurige Liste solcher Kapitalismuskritik ein, die, unfähig oder unwillig, den unpersönlichen, sachlichen Charakter kapitalistischer Vergesellschaftung zu begreifen, soziale Verhältnisse personifiziert. Anstatt die innere (widersprüchliche) Einheit von Produktion und Zirkulation zu thematisieren, die Einheit, die die Trennung in die scheinbar auseinanderfallenden Sphären von Produktion und Zirkulation, von Konkretem und Abstraktem erst konstituiert, projiziert sie den Grund allen gesellschaftlichen Übels in die angeblich abstrakte Sphäre der Finanzspekulation, um dort die Täter einer groß angelegten Täuschung festzumachen. Da muß der die ?abstrakte? und ?künstliche? Seite am Kapitalismus verkörpernde Jude gar nicht erst beim Namen genannt werden.
mj
Viviane Forrester, Der Terror der Ökonomie, Paul Zsolnay Verlag Wien, 1977, DM 36.? |