Che Guevara, Tag für Tag
»Das Phantom Che sitzt, wie ein Grenzgänger ohne Visum und Paß, mitten auf einer Generationenbrücke fest, zwischen jungen Leuten, die sehr wenig von ihm wissen, in ihm aber den großen Kommandanten und roten Großvater der Utopie erahnen, und der Generation der Sechziger, die zu spät kam bzw. bei der Verwirklichung des Projekts scheiterte (...), die aber der Ansicht ist, daß Che weiterhin den Herold einer lateinamerikanischen Revolution darstellt, die absolut notwendig ist, wie unmöglich sie auch erscheinen mag.«
So Paco Ignacio Taibo II im Vorwort zu seinem dicken Buch über das kurze wirkliche Leben jenes Phantoms, ein Leben, das er nicht vom Ende an erzählen will, sondern als eine Geschichte »von damals«. Denn man könne Geschichte nicht von den Folgen zu den Ursprüngen hin erzählen, ohne die Perspektive zu verfälschen.
Das nüchtern chronologische Vorgehen, das sich an Fakten hält, mit Werturteilen sparsam umgeht und die sonst im Umgang mit Kommunisten obligatorische Attitüde vermeidet, daß wir Heutigen alles besser wissen, ist eine der Stärken des Buchs. Denn die Aura Che Guevaras, der uns heute angesichts des immer gleichen Bildes eines ewig jungen Helden zeitlos erscheint wie Marilyn Monroe, ist nur verständlich vor dem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund der späten 50er und frühen 60er Jahre. Ein Guerillero, der von weit her kommt, langhaarig und schlecht gekleidet wie Jesus Christus auf einem Esel reitet, Kranke heilt und Kapitalisten vertreibt. Einer, der schon 1957, noch vor Mao Tse Tungs Kulturrevolution, respektlos das eigene Hauptquartier bombardiert: »Ich begreife diese Bewegung (die cubanische Revolution) als eine der vielen, die vom Bestreben der Bourgeoisie ausgelöst worden sind, sich von den wirtschaftlichen Ketten des Imperialismus zu befreien. Ich werde Fidel stets als einen authentischen Führer der linken Bourgeoisie ansehen...«. Einer, der den (neuen) Menschen in den Mittelpunkt seines Wirtschaftsmodells stellt und sich gegen die kapitalistische Wachstumslogik der UdSSR wehrt. Einer, der viel wilder aussieht als der Wildeste des damaligen Westens, Mick Jagger. Schließlich der einzige Prominente seit der Oktoberrevolution, der aus den Sphären der sozialistischen Macht freiwillig wieder herabgestiegen ist.
Bei dem Versuch, Schritt für Schritt ein Leben zu rekonstruieren, Mythos und Realität zu trennen, kommt der Beschriebene dem Schreiber zu Hilfe, oft, aber meist nur kurz zitiert. Ernesto Guevara hat so viele Briefe und Tagebücher hinterlassen, daß sein erwachsenes Leben meist Woche für Woche, manchmal Tag für Tag, rekonstruiert werden kann. Hinzukommt, daß dieser Linksradikale aus bürgerlichem Hause sich zeitlebens gut mit seiner Verwandtschaft verstand, nicht einmal seine geschiedene Ehefrau scheint ihm etwas nachzutragen. Tante Beatriz schickt aus Buenos Aires auf verschlungenen Pfaden dem Guerrillero seinen Mate in die Sierra Maestra; alle basteln später mit an seinem Bild, der Vater schreibt gar eine Biographie: »Mein Sohn Che«.
Die Fülle des Materials verführt Taibo manchmal zur Faktenhuberei, bzw. dazu, allzu eng an der Hauptperson und ihrem Tun und Lassen zu kleben. Das ist nicht schlimm, solange das spannende Leben eines jugendlichen Vagabunden nacherzählt wird, der ohne Geld durch Lateinamerika reist, mit Rennpferden von Venezuela nach Miami fliegt, in Chile Küchenhelfer, in Kolumbien Fußballtrainer, in Mexico Straßenphotograph und Familienvater wird, eine Medizinprofessur angeboten bekommt und von Fidel Castro dazu überredet wird, doch lieber Guerillero in Cuba zu werden. Ab hier hat Taibos Methode Schwächen: Die Perspektive des Helden reicht nicht aus; der besteigt in Mexico mit Fidel ein Schiff und ist eine Woche später Guerillero in einer abgelegenen Gegend eines Landes, das er nie zuvor betreten hat und von dem er wenig weiß. Hier würde man gerne mehr über die Bedingungen und den Verlauf der cubanischen Revolution erfahren.
Taibo kritisiert an Che Guevara, er habe in Cuba und später auch in Bolivien die militärische Komponente der Revolution überbewertet und den Beitrag der Volksbewegung und des nichtmilitärischen Widerstands unterschätzt. Da wüßte man dann doch gern mehr über die letzten beiden Faktoren. Eine weitere wichtige Frage, die völlig offen bleibt, ist die, wie Guevara zu der Meinung kam, der Erfolg der cubanischen Revolution sei mit ähnlich bescheidenen militärischen Mitteln auf dem lateinamerikanischen Kontinent wiederholbar.
Recht breiten Raum nehmen Ches Erfahrungen in der Guerilla im Kongo und in Bolivien ein, durchaus interessant und auch spannend zu lesen, obwohl man bei diesem Krimi das Ende schon kennt. Da heute aber niemand mehr seine Hoffnung teilt, die lateinamerikanische Revolution werde sich von einigen Guerillazentren nach allen Seiten ausbreiten wie die überkochende Suppe, wäre es besser gewesen, mehr Gewicht auf seine Rolle in den Anfangsjahren der cubanischen Revolution zu legen und auf seine Auseinandersetzung mit der Wirtschaftspolitik und -theorie des Ostblocks; denn über Ökonomie und Bewußtsein wird heute noch gestritten, über die Focustheorie streitet niemand mehr.
Wer Taibos 700 Seiten gelesen hat, hat sich nicht gelangweilt und weiß viel über das Handeln Che Guevaras, über sein Denken und seine Zeit wüßte man gerne mehr.
cn
Paco Ignacio Taibo II, CHE, Die Biographie des Ernesto Guevara, Edition Nautilus, Hamburg 1997, 697 S., DM 68,- |