Volltext

(Artikel * 1997) Müller, Jochen
Der Schöne und das Biest Nachbetrachtungen über Diana S. und Ernesto G. Diana S. Ernesto G.
in Blätter des iz3w Nr. 225 * Seite 41 - 42
Themen: Diana S.; Ernesto G. * Dok-Nr: 130942
Mythen II

Der Schöne und das Biest
Nachbetrachtungen über Diana S. und Ernesto G.

von Jochen Müller

Kassen- und klassenübergreifend umschlingen nun schon seit Monaten die Millionen eine Prinzessin und einen Revolutionär. Auch Weltanschauungen spielen dabei keine Rolle: Wie sie nicht nur die Regenbogenblätter bewegt, beschäftigt er mehr als nur die linken Blättchen, und beide füllen sie die Feuilletons. Auf T-Shirts und auf Postern, in Büchern und in Filmen wurden (und werden) unzählige Bilder von ihnen unters Volk gebracht. Was haben beide gemeinsam, daß sich mit ihnen prima auch für Waschmaschinen werben ließe und ihr Konterfei demnächst in England und in Argentinien Briefmarken zieren wird?
Sie sei eine »Queen of the hearts«, erklärte der Populist Tony Blair und hatte damit die Losung ausgegeben, die fortan den Enthusiasmus für Diana Spencer rational erscheinen ließ. Er sei der »vollkommenste Mensch unserer Zeit« (Sartre), der »so handelt wie er denkt« (Guevara über sich selbst), lauteten die zur Begründung der neuen Begeisterung für den Politstar von gestern bemühten Schlagworte. Dazu traten weitere, immer wieder zitierte, archetypische Attribute moderner Helden: etwa, daß beide jung und schön gestorben sind, wie Evita, ein anderes jüngst medial revitalisiertes Idol, und daß sie ? schon zu Lebzeiten von Krankheit und Unglück gezeichnet ? ihr Scheitern vor Augen hatten, wie zuletzt Kurt Cobain, dessen Lieder schon vor seinem Selbstmord vom Nirvana kündeten. Auch das beiden zugeschriebene Rebellentum teilen sie mit vielen anderen (J. Dean, J. Morrison, M. Monroe...) ihrer Art. Allerdings sagen all diese Attribute in der Regel weniger über die Helden selbst als über ihre Fans.

Wohlfeile Kunstfiguren
Wie die meisten ihrer Vorgänger sind Spencer und Guevara durch die millionenfache Erzählung und Wiedererzählung ihrer Wirklichkeit beraubt. Realität und Fiktion fallen übereinander (her) und sind nicht mehr zu trennen, widersprüchliche Existenzen werden zu hohlen Fassaden. Und die sind beinahe beliebig auszufüttern ? etwa wenn die Frauenzeitschrift ?Brigitte? Guevara ihre Titelstory widmet, um ihren Leserinnen den Mann hinter dem Revolutionär zu zeigen. So spiegeln »Lady Di« und »der Che«, wie er oft genannt wird, vor allem die Projektionen der Millionen wider, die sich ihre retuschierten Bilder über Fernseher wie Matratzen hängen, die im Ohrensessel bei stundenlangem Sargtransport Tränen vergießen oder belanglose Tagebücher aus dem bolivianischen Dschungel verschlingen. Diana und Ernesto wurden zu Mythen.
Der Mythos, schreibt Roland Barthes, »schafft die Komplexität der menschlichen Handlungen ab (...), er organisiert eine Welt ohne Widersprüche, (...) seine Klarheit ist euphorisch«. Das kann an unseren beiden Helden nachvollzogen werden.
In beiden Fällen wurden aus komplexen Personen populäre Ikonen, Heiligenbilder. Bereits die Namensgebung zeugt von der Verehrung und demonstriert zugleich eine Komplementarität, die wohl jeder Verehrung strukturell eigen ist: Die Namen »Lady Di« und »der Che« sind jeweils aus einer Distanz schaffenden bzw. die Einzigartigkeit der Person betonenden Rangbeschreibung und aus einem Kosennamen zusammengesetzt. So drücken sie gleichermaßen den Respekt gegenüber einem quasi höheren Wesen aus, wie sie dasselbe beinahe zärtlich als »eine/n von uns« vereinnahmen und umarmen. Die Objekte der Anrufung werden ihren Anbetern gleichgemacht und müssen ihnen doch fern bleiben. Solche Figuren sind wohlfeil in schweren Zeiten. Das war im Mittelalter, als die Heiligenverehrung besonders zu Pestzeiten und Hungersnöten Hochkonjunktur hatte, nicht anders als in der neoliberalen Postmoderne.
Nun sind Di und Che Ikonen verschiedener Klientele. Im England nach dem Thatcherismus (und wie gesehen nicht nur dort), mit dem Hochgesang auf den Individualismus und dem Triumph der Ellenbogen, wurde »Lady Di« zum Symbol von Menschlichkeit, Zuwendung, Wohltätigkeit und Mitgefühl mit den Ausgestoßenen dieser Welt, eben zur »Queen of the hearts«. Auch wenn (oder sogar weil) sie ? der meist-fotografierte Mensch der Welt ? selbst mittels der Medien gegen ihre Feinde intrigierte, ließ ihr teils naiv, teils kalkulierend, aber immer mutig erscheinendes Anrennen gegen übermächtige Gegner wie das Königshaus und das Elend in der Welt ihr die Herzen ebenso zufliegen wie das so eindrucksvoll inszenierte Eintreten für ihr kleines persönliches Glück. Der Tod von Diana Spencer eröffnete in den marktfunktional auf Erfolg und Leistung orientierten Gesellschaften eine einmalige Möglichkeit zum Ausdruck kollektiven Mitleids und Selbstmitleids. Dabei beflügelt das Bedürfnis nach Geborgenheit vor allem konservative Werte, die sich im Bild von »Lady Di« vereinen ? paternalistische Tugenden, Gemeinschaftsideologie und traditionelle Weiblichkeit. Diesem Konzept kommt Spencers biederes, aber darin nicht unbedingt unerotisches, ihr modisches und repräsentatives, aber nie extravagantes Äußeres entgegen. Die in ihr personifizierte Vision von Harmonie und einer Versöhnung der Gegensätze zwischen Staat und Individuum sowie zwischen Gewinnern und Verlierern sicherte ihr die Zuneigung aller.
Nicht Versöhnung, sondern radikale Veränderung haben sich dagegen die Freunde »des Che« auf die Poster geschrieben. Mit dem Mythos des universellen Revolutionärs wenden auch sie sich gegen die Folgen des Neoliberalismus. Mit Guevara, dem »Funken, der nicht erlischt« (SOZ), verknüpfen sie die Hoffnung auf ein »Ende des Stillstands« (Junge Welt). Für sie verkörpert er die Rebellion, den Traum vom neuen Menschen, Selbstlosigkeit und Fähigkeit zur Selbstkritik, Wille und Mut, Gerechtigkeit und Solidarität, Kritik an Bürokratie und Warenfetisch, feste Überzeugungen und Leidenschaft. Auch im Bild »des Che« verbinden sich alle guten Eigenschaften, die im täglichen Leben so selten einzuhalten sind und doch dieses nur verändern könnten. Dazu passend wiederum das Design: Mit entschlossenem Mund, dunklen Augen und in die Ferne gerichtetem Blick, Haar im Wind und engem Dress mit Reißverschluß und hochgeschlossenem Kragen symbolisiert sein allgegenwärtiges Abbild Vorwärtsdrang und aktuellen Chic. »Der Che« hat Sex-Appeal. Auch das macht ihn zum Pop- und Politidol der Jugend und vieler »Wiederjungen«. Zudem macht das Bild eines Menschen, der asketisch, unter vollem Einsatz und mit allem Risiko sein Ziel verfolgt, um sich aber auch der angenehmen Seiten des Lebens zu erfreuen, Guevara nicht nur für die Linke, sondern auch für Werbestrategen zum Vorbild des modernen Mannes ? eines Teilzeithedonisten.
In den zwar verstaubt aber real noch existierenden politischen Texten von Che Guevara (vielleicht dem einzig möglichen, aber selten gewählten Zugang jenseits mystifizierender Zuschreibungen) zeigt sich aber, daß der Mann ? seine Verdienste hin oder her ? nicht als Vorbild einer neuen radikalen Linken taugt. Seine rigide Moralität, die erstrebte Erziehung zum neuen Menschen und das Ziel der Eroberung der Macht sind mindestens in dem Maße ambivalent, in dem einem die Hinrichtung politischer Gegner oder Parolen wie die vom »totalen Krieg«, in dem »unsere Soldaten« sich »in eine wirksame, gewalttätige, selektierende und kalte Tötungsmaschine« verwandeln müssen, die Haare zu Berge stehen lassen. Zudem sind vor 30 Jahren Guevaras »proletarischer Internationalismus« und auch die metropolitanen Versuche, seine Revolutionsstrategie zu importieren, aus guten Gründen und restlos gescheitert. Demgegenüber bleibt das in Geschichte und Biografischem sich suhlende Che-Revival meist merkwürdig geschichtslos.
Nicht als reale Personen also, sondern als kulturelle Mythen sind Diana und Ernesto attraktiv. Denn weder kann erstere tatsächlich die Menschen mit sich und ihrer Gesellschaft versöhnen, noch kann auf der anderen Seite letzterer als Ideal einer vereinten Linken im Kampf gegen Neoliberalismus und um Veränderung von Menschen und Gesellschaft herhalten. Im Gegenteil hebt beider Verehrung ja gerade ihre Außergewöhnlichkeit hervor. Sie verkörpern Wunschbilder, den genauen Gegensatz zur Realität. Beide sollen harmonisieren, wo Zerrissenheit vorherrscht. Beide euphorisieren, indem sie Gemeinschaft, Orientierung, Klarheit, Tatkraft und Utopie suggerieren, wo Perspektivlosigkeit und Ohnmacht dominieren. Sie stehen für den Versuch des Unmöglichen, strahlen den Charme von David aus im Angesicht von Goliath. Sie sind Legenden, Ideen, populistische Kunstfiguren, die in kalten Zeiten Sehnsüchte bündeln.
Und: Weil Di?s und Che?s besonders verehrte Qualitäten wie Glaubwürdigkeit, Menschlichkeit oder Entschlossenheit unverbindlich und in ihrer Allgemeinheit von derselben zu teilen sind ? und darum sich auch zur Werbung eignen ? sowie ihre Taten im wahrsten Sinne des Wortes »von gestern« stammen, lenken sie von heutigen Widersprüchen ab. »Lady Di« und »der Che« entpolitisieren ? das gehört zur Funktion von Mythen. Die auf T-Shirts, Postern und Briefmarken dokumentierte Sympathie zeigt, daß der Mythos des Revolutionärs nicht gefährlicher ist als der um die Prinzessin.


Jochen Müller ist Mitarbeiter im iz3w.