Cultural Studies
Ringkampf mit Engeln
Cultural Studies ? Ein einführender Überblick
von Dominik Bloedner
Man kann cultural studies als eine intellektuelle und politische Tradition verstehen, man kann das Projekt in Beziehung setzen zu den etablierten akademischen Disziplinen, man kann die verschiedenen konkurrierenden theoretischen Paradigmen im Zeitverlauf untersuchen und schließlich kann man sich auf konkrete Analysen und charakteristische Forschungsgebiete konzentrieren. Nur eines kann man nicht: Eine lineare Geschichte dieses Projektes schreiben, ohne seinem dynamischen und heterogenen Charakter unrecht zu tun.
Was haben Punkrock und Karl Marx gemeinsam oder, anders gefragt, was ist eigentlich cultural studies? Die Beantwortung dieser Frage ist alles andere als einfach. Cultural studies war nie etwas Einheitliches oder klar zu definieren. Stuart Hall, einer der wichtigsten Vertreter dieser Tradition, wurde 1990 gefragt, wie er denn eigentlich cultural studies definieren würde. Er sagte, »er wisse es nicht. Cultural studies sei ein Ringkampf mit Engeln.« (vgl. SPEX. Das Magazin für Popkultur, Köln Juli 1995, S.52f.) Diese Antwort sagt mehr aus als jede klar umrissene Definition, denn sie verweist auf den offenen, prozessualen, nicht ausschließlich auf den universitären Bereich zu reduzierenden Charakter dieses Projektes. Bewußt auf eine unbequeme Position im Gleitfeld der etablierten akademischen Disziplinen achtend und einer politischen emanzipatorischen Perspektive verpflichtet, waren die in das Projekt involvierten Personen stets bestrebt, eine theoretische Offenheit und Flexibilität zu wahren, um die Gefahr einer mit Stillstand gleichbedeutenden intellektuellen Orthodoxie zu vermeiden.
Das Projekt ist dennoch nicht etwas beliebiges. In allen zirkulierenden Definitionen schimmert als gemeinsamer Nenner das Bewußtsein durch, daß Machtbeziehungen vielfältigster Art die Gesellschaft und ihre Kultur strukturieren und bestimmen, woraus die Verpflichtung abgeleitet wird, den unterdrückten Personen und Personengruppen eine Stimme zu geben und sie in ihren Kämpfen zu unterstützen.
Kultur und Kulturalismus
Einen besonderen Stellenwert innerhalb dieser Kämpfe nimmt die Kultur ein. »Gesellschaft«, und »Kultur« sind in diesem Verständnis nie voneinander zu trennen, beide sind konstitutiv für den menschlichen Erfahrungshorizont innerhalb eines »whole way of life« (Williams). Kulturelle Erfahrung läßt sich weder auf ästhetischen Genuß noch auf die bloße Widerspiegelung der durch die Ökonomie bestimmten gesellschaftlichen Antagonismen reduzieren; vielmehr ist sie ein integraler Bestandteil des Alltagslebens. Vor diesem Hintergrund nahmen die »Gründungsväter« von cultural studies ? Raymond Williams, Richard Hoggart und E.P. Thompson ? in den fünfziger Jahren eine Umdefinierung des Begriffs der Kultur vor und entwickelten sukzessive die Theorie des »Kulturalismus«.
In der marxistischen Tradition wurde Kultur lediglich als ein zu vernachlässigendes Anhängsel des durch die ökonomische Basis determinierten Überbaus angesehen. Demgegenüber war in der idealistischen Traditionslinie elitärer britischer Kulturkritik ein reaktionäres und statisches Verständnis von Kultur vorherrschend. Von diesen beiden Traditionslinien ließ sich nur wenig übernehmen. Man wollte statt dessen eine Kulturtheorie entwickeln, die die aktiven, gelebten sozialen Beziehungen innerhalb eines umfassenden Lebenszusammenhangs mit einschloß und Kultur eine formative Rolle im Geschichtsverlauf zuerkannte, ohne dabei jedoch den Klassencharakter kapitalistischer Gesellschaften aus den Augen zu verlieren. Dem Marxschen Diktum folgend, wonach Menschen ihre Geschichte machen unter den Bedingungen, die sie vorfinden, wurde (Populär-) Kultur als ein Ort radikaler politischer Intervention gedacht.
Die Hauptinteressensgebiete von cultural studies waren kulturelle Formen und Praktiken in entwickelten kapitalistischen Staaten ? Kino, Werbung, Erziehung, Mode, Musik, populärer Journalismus, Fernsehen, Alltagspraktiken wie Einkaufen und Sport, etc. ?, welche von Befürwortern eines elitären Kulturverständnisses nicht als Träger von ernstzunehmender Bedeutung angesehen und von orthodoxen Marxisten als für den Klassenkampf nicht relevant abgetan wurden. Cultural studies betonte hingegen, daß eine Partizipation in der Massenkultur aktiv, wohlüberlegt, selektiv und sogar subversiv sein könnte. In Anlehnung an Gramscis Konzept der »kulturellen Hegemonie« wurden Kultur und die durch sie hervorgebrachten Bedeutungen als ein umkämpftes politisches Terrain verstanden. Die Kämpfe auf dieser Ebene wurden als eine Vorausbedingung ? als eine Ergänzung und nicht wie gegenwärtig oft als ein Ersatz ? für den Klassenkampf gedacht. Kultur und insbesondere Populärkultur als bedeutungshervorbringende Formen und Praktiken wurden so zu einem Ort politischer Auseinandersetzungen, zu einem Ort, an dem man für eine progressive Transformation der Gesellschaft kämpfen konnte.
Der Streit um die Frage, ob Populärkultur im Kampf für ein besseres Leben eine Rolle spielen kann, und wenn ja welche, ist zugleich ein nicht befriedigend zu lösender Streit um die dahinterliegenden Menschenbilder. Handeln Menschen in bezug auf kulturelle Texte nun bewußt und autonom und machen damit Geschichte? Davon ging der an einem Klassenbegriff orientierte »Kulturalismus« in der Anfangszeit von cultural studies aus. Oder aber sind die Menschen lediglich die Sub-jekte der sie umgebenden Texte, welche menschliches Handeln vorab strukturieren, wie es der strukturalistische Marxismus der siebziger Jahre predigte? Zwar wurde die Marxsche Dialektik zwischen individueller Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Fremdbestimmung in den teilweise polemisch geführten Debatten oft genug übersehen, dennoch stellte dieses zentrale Spannungselement als ein immerwährender Begleiter von cultural studies die Grundlage für viele bedeutsame Studien zu Populärkultur dar.
British New Left und Cultural Studies
Betrachtet man nun cultural studies als Ergebnis einer intellektuellen und politischen Tradition, so stößt man unweigerlich auf das Aufkommen der sogenannten British New Left in der »Wohlfahrtsgesellschaft« der fünfziger Jahre. Das Jahr 1956 markierte einen Bruch innerhalb der europäischen Linken. Die damaligen Ereignisse ? die Niederschlagung des ungarischen Arbeiteraufstandes sowie Enthüllungen über die stalinistische Herrschaft in der UdSSR ? führten dazu, daß viele bis dahin angenommene Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt wurden, so auch die allgemeine Gleichsetzung von Marxismus mit den ideologischen Positionen der von der UdSSR geführten kommunistischen Parteien. Die British New Left distanzierte sich von den damals vorherrschenden orthodoxen und stalinistischen Varianten des Marxismus. Sie erweiterte die theoretische Perspektive von der nahezu ausschließlichen Beschäftigung mit der ökonomischen Produktion um Fragen kultureller Konsumtion und formulierte die Zentralität von Kultur als politischen Auftrag.
Die britische Neue Linke verstand sich als eine Antwort auf die konkreten sozialen Transformationen und Brüche der Nachkriegszeit. Diese Ära war gekennzeichnet durch eine scheinbare Befriedung des Klassengegensatzes innerhalb der fordistischen Wohlfahrtsgesellschaft und durch eine radikale Transformation der gelebten Kultur der Arbeiterklasse. Durch die auf Massenkaufkraft basierenden neuen Formen der Konsumkultur erreichte die Massenkultur der Nachkriegszeit alle Klassen. Die New Left sah den Bereich der (kulturellen) Konsumtion neben dem der Produktion als eine gleichberechtigte, wichtige Sozialbeziehung an. Kulturelle Fragen wurden als bedeutsam für soziale Transformationsprozesse erachtet, und es war unabdingbar, daß die Definition des politischen Bereichs über Arbeitskämpfe und Fragen von parlamentarischer Macht und Kontrolle hinausgehen mußte. Die britische Neue Linke und cultural studies als das ihr angeschlossene Projekt traten Ende der fünfziger Jahre an, die theoretische Lücke im Hinblick auf neue Formen politischer Praxis zu schließen.
Institutionalisierung und
Theorienvielfalt
Im akademischen Rahmen wurde cultural studies 1964 als Anhängsel des Lehrstuhls für englische Literatur an der Universität in Birmingham als das Centre for Contemporary Cultural studies (CCCS) erstmals institutionalisiert. Obwohl das Projekt seit diesem Zeitpunkt einen Boom in der englischsprachigen Welt und darüber hinaus erlebte, ist es keine akademische Disziplin im herkömmlichen Verständnis. Man war sich stets der Gefahren bewußt, die eine Kodifizierung des Wissens und der methodischen Herangehensweise mit sich bringen: die Gefahr der intellektuellen Orthodoxie und Unflexibilität sowie die des Wirkungsverlustes intellektueller Tätigkeit außerhalb des universitären Elfenbeinturms. Zwar bediente man sich des Wissens und der Methodik der etablierten Disziplinen, doch war cultural studies mehr als eine rein interdisziplinäre Angelegenheit; demzufolge wird das Projekt oft als »anti-disziplinär« bezeichnet.
Der Anspruch einer methodologischen Offenheit und Flexibilität schlägt sich auch in den theoretischen Bezugnahmen des Projektes nieder. Obwohl man bestimmte theoretische Konjunkturen ausmachen kann, hatte zu keiner Zeit ein bestimmter Ansatz eine absolut dominante Position inne. Stand am Anfang der »Kulturalismus« im Mittelpunkt, wandte man sich in den frühen siebziger Jahren dem von Althusser beeinflußten strukturalistischen Marxismus zu. Die Akzentuierung verschob sich vom Handlungsfähigkeit ermöglichenden Pol der gesellschaftlichen »Erfahrung« zur das Verhalten determinierenden, herrschenden »Ideologie«. In diesem funktionalistischen Verständnis übten kulturelle Texte und gesellschaftliche Institutionen eine alles umfassende und strukturierende Macht aus, ließen keinen Raum für intentionales, widerständiges Handeln und trugen somit unweigerlich zu einer Reproduktion der herrschenden Verhältnisse bei. Menschen waren demnach »ideologische Wesen«, »angerufen« und eindeutig positioniert durch die Kultur der herrschenden Klasse. Konkret bedeutete dies für cultural studies, daß zu dieser Zeit kulturelle Artefakte ? von Büchern über Fernsehsendungen bis hin zu Sportveranstaltungen ? lediglich bezüglich ihrer Funktion der Stabilisierung des Systems und der Verbreitung der herrschenden Ideologie analysiert und kritisiert wurden. Dies führte zu heftigen Kontroversen und in eine epistemologische wie praktische Sackgasse, wurde doch so die Möglichkeit einer Transzendierung der bestehenden Verhältnisse von vornherein ausgeschlossen.
Gramscis Konzept der »kulturellen Hegemonie«, das ab Mitte der siebziger Jahre und damit nach (!) Althussers Schriften auf die Tagesordnung kam, sollte einerseits diesen unversöhnlichen Konflikt zwischen dem kulturalistischen und strukturalistischen Lager lösen, andererseits die Weichen für gegenwärtige Kontroversen stellen. In Gramscis Analyse wurden Herrschaft und Kontrolle in den westlichen Gesellschaften zum einen durch den legalen Zwangsapparat des Staates, zum anderen aber hauptsächlich durch die von den Institutionen der »Zivilgesellschaft« erzeugte spontane Zustimmung der objektiv Unterdrückten sichergestellt. Die Ausübung bürgerlicher Herrschaft funktionierte nur dadurch, daß den unterdrückten Klassen, in dem Bestreben sie dauerhaft an diese Herrschaft zu binden, fortwährend Konzessionen zugestanden wurden. Macht war also im Gegensatz zu Althussers Verständnis nicht mehr nur eine Frage des Zwangs oder der einseitigen kulturellen Repräsentation, sondern eine der kulturellen Aushandlung. Diese, von Gramsci als »kulturelle Hegemonie« umschriebene Form von Herrschaft, stand für keinen unveränderbaren Zustand, sondern für einen offenen, gelebten und damit beeinflußbaren Prozeß: »Hegemonie« und damit reale Herrschaft waren verschiebbar in die eine oder andere Richtung durch vielfältige Interventionen im Bereich der kulturellen Repräsentation.
Ab Mitte der achtziger Jahre öffnete sich cultural studies Fragmenten postmoderner Theorie. Ein zentrales Anliegen der Postmoderne ist es, angesichts einer postulierten Legitimationskrise alle totalisierenden und universalistischen Ansprüche der in der Tradition der Aufklärung und ihrer Rationalität stehenden Theorien und Praktiken zurückzuweisen. Das richtet sich gegen alle Diskurse, welche eine essentielle Natur des Menschen definieren, ein Wahrheitsmonopol für sich in Anspruch nehmen, der menschlichen Geschichte ein Schicksal vorschreiben oder kollektive Ziele erreichen wollen. Diese Ansprüche ? insbesondere der Marxismus ? seien totalitär, da sie automatisch alles Differente ausschließen und unterdrücken würden. Politisch relevant und ethisch vertretbar blieben allein die von Foucault und Lyotard favorisierten Mikropolitiken, also in eine globale Perspektive eingebundene lokale Kämpfe um konkrete Themen. Einem ethischen Impetus folgend steht die Postmoderne für Toleranz und für eine Wertschätzung gegenüber den von welchem hegemonialen Diskurs auch immer unterdrückten Stimmen. Da es nicht möglich sei, versteckte Wahrheiten unterhalb der Oberfläche von Erscheinungen zu entdecken, müßten wir uns damit abfinden, weiterhin in einer Welt zu leben, in der image, design, style und damit die »Gesellschaft des Spektakels« über die Realität triumphiert hätten.
Für cultural studies bedeutete die Übernahme bestimmter postmoderner Theoriebausteine eine fundamentale Verschiebung der Perspektive: Angesichts eines von Foucault inspirierten Verständnisses von allumfassender Macht, die nun überall und nirgends zugleich vermutet wurde, ging es nun nicht mehr in erster Linie um die Befreiung von unterdrückten oder entfremdeten Kollektiven ? also um die Realisierung totalisierender Utopien -, sondern darum, persönlich erfahrbare Unterdrückung zu thematisieren und dementsprechende Widerstandsstrategien zu entwickeln. Die Bezugnahme auf »essentielle« Kategorien wie class, race und gender trat zugunsten der Sorge um das Wohlbefinden und die Autonomie des Individuums in den Hintergrund, und die Kämpfe gegen das System wurden nicht mehr gemeinsam ausgefochten, sondern wichen vereinzelten unsichtbaren, verspielt-hedonistischen Kämpfen im Bereich der kulturellen Repräsentation und Konsumtion.
Vom Kulturalismus
zum Konsumerismus
Diese Vielfalt der Kämpfe in der theoretischen Bezugnahme spiegelt sich seit den Anfängen in den Forschungsschwerpunkten des CCCS und anderer Institutionen wider. Stand am Anfang die gelebte Alltagskultur der britischen, weißen, männlichen Arbeiterklasse im Mittelpunkt der Überlegungen, sollten in der sich ab Ende der sechziger Jahre stärker ausdifferenzierenden Gesellschaft andere unterdrückte und potentiell revolutionäre Gruppen auf die Agenda von cultural studies kommen. Durch die Betonung von individueller, identitätsstiftender »Differenz« und Abgrenzung zur dominanten Kultur der Mittelklasse und ihrem Fortschrittsdenken sowie durch einen weiter gefaßten Entfremdungsbegriff, als dies im orthodoxen Marxismus der Fall war, verschwand in der linken Diskussion die Arbeiterklasse endgültig als alleiniger Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft. Auf der Suche nach neuen unterdrückten Subjekten und/oder Hoffnungsträgern stieß man auf die Frauen, rassifizierte »Minderheiten«, Jugendsubkulturen und, ausgehend von ab den achtziger Jahren fragmentierteren Subjektkonzeptionen, auf den/ die subversive KonsumentIn der postmodernen Zeichenwelt.
Durch die Kritik am Phallozentrismus und Eurozentrismus der Gesellschaft und auch des Projektes selber, sollte Ende der siebziger Jahre die bis dahin alleinig auf der Kategorie »Klasse« beruhende Kulturanalyse von cultural studies durcheinandergebracht werden. Dem Feminismus und dem Antirassismus ging es darum, der durch die diskursiven Praktiken der männlichen, heterosexuellen und weißen Dominanzkultur erzeugten eigenen Machtlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Die eigene Unterdrückung und Benachteiligung war konkret erfahrbar, spielte sich aber auch zum großen Teil außerhalb des Bereichs formaler Politik und materieller Verteilungskämpfe ab, nämlich im Bereich der kulturellen Repräsentation. Hier fand das Projekt nach anfänglichen Schwierigkeiten vielfältige Ansatzpunkte, und die Erweiterung der Perspektive sollte sich in zahlreichen Publikationen niederschlagen.
Ab Mitte der siebziger Jahre setzte sich cultural studies verstärkt mit den neu aufkommenden Jugendsubkulturbewegungen und den Möglichkeiten einer Subversion durch style bzw. den durch die kapitalistischen Vereinnahmungstendenzen begrenzten Wirksamkeiten einer solchen Strategie auseinander. Gerade Gramscis Beharren darauf, daß symbolische Kämpfe die notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für weitergehende gesellschaftliche Auseinandersetzungen sind, machte diese Bewegungen für einen Kampf um die »kulturelle Hegemonie« interessant. Ihre Rebellion richtete sich zum einen gegen das Elternhaus und dessen Normen, zum anderen ? bewußt oder unbewußt ? gegen die die Jugendlichen benachteiligende Klassengesellschaft. Die subkulturellen Codes ? Kleidung, populäre Musik, Sprache, bestimmte Gesten und Rituale, Drogen, etc. ? dienten der Artikulation von symbolischem Widerstand, da sie auf der Ebene der kulturellen Repräsentation den bürgerlichen ästhetischen Konsens kritisierten und oftmals der Lächerlichkeit preisgaben.
Gegenwärtig geht es, nachdem der Marxismus und die Möglichkeit einer radikalen Gesellschaftstransformation mit den Ereignissen von 1989 von vielen, wenn auch nicht allen beteiligten Intellektuellen zu den Akten gelegt wurde, um Fragen individueller, hedonistischer Subversion auf der Ebene der Mikropolitik. Referenzpunkt ist nun nicht mehr das Subjekt im Dreieck von class, race und gender, sondern das »nomadische Subjekt«, welches sich widerständig und ohne festen Ort in der postmodernen Welt des Konsums bewegt. Die (mögliche) Überwindung der kapitalistischen Warengesellschaft ist in den Hintergrund getreten; vielmehr gilt es nun, sich den herrschenden und als stabil erachteten Bedingungen anzupassen und sich des Materials zu bedienen, das vom System zur Verfügung gestellt wird, es aus dem Zusammenhang zu reißen und damit neue Bedeutungen zu konstruieren. Die Strategie des »Konsumerismus« als ein Beispiel steht für den gegenwärtigen, wenn auch nicht hegemonialen Trend von cultural studies. Dabei könne man sich die eigene, multiple »Identität« aus dem Vorgefundenen zusammenbasteln oder auch zusammenkaufen und in den Dienst der Subversion gegen eine unspezifizierte Macht stellen. Ähnlich wie bei den Jugendsubkulturanalysen geht es um die Artikulation von symbolischem Widerstand, aber im Unterschied zu jenen steht nun ausschließlich der individuelle »Genuß« im Vordergrund, und man ist allzu leicht bereit ? angesichts der (macht-) theoretischen Unsicherheit, an welche konkrete Adresse sich dieser Widerstand überhaupt richten solle ?, in wirklich jede banale, popkulturelle Alltagspraktik Subversion hinein zu interpretieren. So sieht De Certeau beispielsweise in der Tatsache, daß man an seinem Arbeitsplatz auch eigenen Beschäftigungen nachgehen kann, für die man nicht bezahlt wird, einen subversiven Akt verborgen. Fiske hebt die symbolische Aneignung von Räumen als widerständige Handlung hervor. Man könne zum Beispiel der gesellschaftlichen Fremdbestimmung innerhalb eines Mietverhältnisses entgehen, da man die Freiheiten hätte, sich die gemietete Wohnung nach dem eigenen ? natürlich subversiven ? Geschmack einzurichten.
Gramscis Konzept wird somit nicht zu Ende gedacht, denn die symbolischen Kämpfe haben angesichts ihrer Selbstbezüglichkeit keinen Anspruch mehr auf eine Welt jenseits des kapitalistischen Konsums oder in den Worten Susan Sontags: »Die Freiheit, zu konsumieren wird mittlerweile mit Freiheit selbst gleichgesetzt.«Außerdem werden andere soziale und politische Dimensionen des Alltagslebens ausgeklammert und die Fragen, ob alle Menschen das (finanzielle und kulturelle) Kapital für diese »meaningful creativity« hätten, nicht mehr gestellt. Die gegenwärtige Debatte dreht sich also um die Frage, ob cultural studies noch cultural studies sei ? ob der ehemals widerständige Anspruch zu einem bloßen rhetorischen Lippenbekenntnis verkommen sei ? denn man war ja vor mehr als dreißig Jahren angetreten, die kapitalisitsche Gesellschaft zu überwinden und nicht, wie es dem Projekt nun vorgeworfen wird, sich in ihr affirmativ einzurichten.
Die Unsicherheit ob der Frage, was denn eigentlich cultural studies sei, ist geblieben. Es gibt kein Definitionsmonopol und keinen Anspruch auf die Erhaltung eines Erbes oder eines einmal erreichten Wissensstandes. Alles, was sich mit Machtbeziehungen welcher Art auch immer im Gleitfeld zwischen Politik und Kultur beschäftigt, und all jene Debatten, die innerhalb des anglophonen akademischen Diskurses, im Feuilleton oder im linken, popkulturellen Diskurs à la Die Beute oder SPEX geführt werden, können berechtigterweise das Label cultural studies für sich in Anspruch nehmen. Die Geschichte des Projektes bietet Einblicke in linke Diskursverschiebungen der letzten dreißig Jahre und damit in gegenwärtige Problemstellungen. Die momentan zunehmend unübersichtlichere Frage ist die nach einer fruchtbaren, widerständigen Synthese aus Politik und Kultur oder, anders ausgedrückt, nach dem Stellenwert der Kultur innerhalb linker Politik. Kultur und subversive Praktiken auf der Ebene der kulturellen Repräsentation sind nämlich stets zugleich mehr und weniger als Politik, nie jedoch dasselbe. Beide Bereiche umfassen die Gesamtheit der sozialen Beziehungen, aber sie tun dies in einer unterschiedlichen Weise. Politik unterscheidet sich von anderen sozialen Praktiken dahingehend, daß sie diese sozialen Beziehungen mehr oder weniger wirksam bestimmen kann, sogar wenn sie sich im Bereich des Symbolischen bewegt; das ist ihre primäre Funktion, und dafür stehen ihr zahlreiche (Zwangs-) Mittel und Apparate zur Verfügung. Die primäre Funktion von Kultur hingegen ist die des Hervorbringens von Bedeutung, und dabei muß sie auf andere Ressourcen zurückgreifen. Obwohl Kultur ? verstanden als ein die Totalität sozialer Beziehungen umfassender whole way of life ? ein umkämpftes Gebiet sowie der Raum für politische Auseinandersetzungen ist, kann sie weder ausschließlich auf diesen Aspekt reduziert werden, noch den politischen Bereich ganz und gar umfassen. Gegenwärtig ist jedoch eine zunehmende Kulturalisierung von sozialen Konflikten zu verzeichnen, und cultural studies befindet sich in der Gefahr, auf diesen Zug aufzuspringen.
Ausgewählte Literatur
BRANTLINGER, Patrick: Crusoe´s Footprints. Cultural Studies in Britain and America; Routledge, London und New York, 1990
CHUN, Lin: Wortgewitter. Die britische Linke nach 1945; Rotbuch Verlag, Hamburg, 1996
DURING, Simon (Hg.): The Cultural Studies Reader: Routledge, London und New York, 1993
FISKE, John: Understanding Popular Culture; Routledge, London und New York, 1989
GROSSBERG, Lawrence / NELSON, Gary / TREICHLER, Paula (Hg.): Cultural Studies; Routledge, London und New York, 1992
HARRIS, David: From Class Struggle to the Politics of Pleasure. The Effects of Gramscianism on Cultural Studies; Routledge, London und New York, 1992
HEBDIGE, Dick: Subculture. The Meaning of Style (1979); Routledge, London und New York, 1987
HOLERT, Tom / TERKESSIDIS, Mark (Hg.): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft; Edition ID-Archiv, Berlin/Amsterdam, 1996
KELLNER, Douglas: Media Culture. Cultural Studies, Identity and Politics between the Modern and the Postmodern; Routledge, London und New York, 1995
McROBBIE Angela: Postmodernism and Popular Culture; Routledge, London und New York, 1994
STOREY, John: What is Cultural Studies? A Reader; Arnold, London, 1996
TURNER, Graeme: British Cultural Studies. An Introduction; Routledge, London und New York, 19962
WILLIAMS, Raymond: Marxism and Literature; Oxford University Press, Oxford, 1977
WILLIAMS, Raymond: The Sociology of Culture (1981); University of Chicago Press, Chicago, 1995
Dominik Bloedner ist Soziologe und lebt in Freiburg. |