Volltext

(Artikel * 1997) Flitner, Michael; Heins, Volker
Die politische Entwicklung der Natur Neue Konflikte um biologische Ressourcen Konflikte um biologische Ressourcen
in Blätter des iz3w Nr. 225 * Seite 23 - 26
Themen: biologische Ressourcen * Dok-Nr: 130937
Biopolitik

Die politische Entwicklung der Natur
Neue Konflikte um biologische Ressourcen

von Michael Flitner und Volker Heins


Aus Sicht der alten Industrieländer des Westens, die für sich Zivilisation und Geist reklamieren, ist die Dritte Welt gewissermaßen der Körper der Welt, der auf dieselbe zweideutige Art behandelt wird, wie das Bürgertum seit jeher lebende Körper behandelt hat. Die Dritte Welt wird in diesem Sinne »unterdrückt«, zugleich aber auch humanitär gepflegt, ökotouristisch geliftet und durch monetäre Diät und Strukturanpassungsprogramme »verschlankt«. Die »biologische Vielfalt« ist im Rio-Prozesses zu einem zentralen politischen Symbol dieser ambivalenten Beziehung geworden und somit zum Anreiz, Vorstellungen über Dritte Welt und Natur, Moderne und Technologie zu überdenken.

Wie der menschliche Körper und besonders der weibliche Körper in der Vorstellungswelt des Bürgertums, so erscheint der Süden der Erde zugleich als Quelle lockender Reize, als Herd lebensbedrohlicher Krankheiten und Wucherungen wie der »Bevölkerungsexplosion« und schließlich als Sitz reinigender Organe wie der grünen Lungen des Amazonasgebiets. Die Bedeutung des jüngeren Konflikts um den Schutz der biologischen Vielfalt und die Aneignung genetischer Ressourcen liegt darin, daß diese verschiedenen Bilder neu verwoben werden ? und sich so auch der Kritik ausliefern.
Zunächst wurde das klassische Anliegen des Naturschutzes zugunsten entwicklungs-, technologie- und menschenrechtspolitischer Forderungen relativiert. Dies läßt sich besonders anschaulich mit dem Vergleich der beiden wichtigsten internationalen Verträge in diesem Bereich illustrieren. Das Washingtoner Artenschutz-Abkommen von 1972 zielte noch allein auf den Schutz bedrohter Arten, deren Bestand durch schärfere Kontrollen im Handel gesichert werden sollte: Nashörner, Elefanten und kulleräugige Pandas standen im Brennpunkt des Vertrags und Zollbeamte wurden zu ihren Rettern bestimmt. Die 1993 in Kraft getretene UN-Konvention über biologische Vielfalt bringt ganz andere Prozesse und Akteure ins Spiel: Ihr Ziel ist es, die nachhaltige Nutzung ganzer Ökosysteme zu fördern, »ganzheitlich« und gewissermaßen genetisch egalitär vom Pantoffeltierchen bis zur Wanderratte. Ein so umfassendes Programm verlangt denn auch andere Mechanismen als die Suche nach Elfenbeinschmuck im Reisegepäck. Neben staatlichen Naturschutzbehörden werden nun alle erdenklichen gesellschaftlichen Gruppen bemüht, die mit der biologischen Viefalt zu schaffen haben, von den indigenen Völkern bis zur gentechnischen Industrie. Gemeinsam sollen sie die Natur zu Markte tragen, zum Wohle der Menschheit.
Ein wesentlicher Grund für die Abkehr vom klassischen »Artenschutz« liegt ohne Frage in der Dynamik wissenschaftlicher und technischer Innovation. Aus der Entwicklung neuer Biotechnologien ergeben sich ungeahnte Potentiale für die Entdeckung und Entschlüsselung genetischer Information. Hochauflösende Testsysteme erlauben eine immer präzisere und schnellere Identifikation organischer Aktivitäten im »Molekülkino« biotechnologischer Labors. Natürliche Rohstoffe und vor allem komplexe Produkte des sekundären Stoffwechsels von Organismen werden für die chemische Industrie dadurch wieder interessant, nachdem in den letzten Jahrzehnte vor allem in die Bereiche Synthese und Kombination investiert wurde. Das Resultat ist eine »Renaissance der klassischen Naturstoffsuche« (so ein deutscher Experte) in den Ländern des Südens.

Leitbild Mikrobe
Mit der Verwandlung der Biologie zur Ingenieurskunst ändern sich auch die Bilder und Metaphern, die seit langem gesellschaftliche Diskurse jenseits der Naturwissenschaften speisen. Die Vorlagen, die die moderne Biologie im Laufe dieses Jahrhunderts für Gesellschaftsmodelle, Staatsrassismen und klassische Artenschutzkonzepte geliefert hat, beruhten allesamt auf einer monolithischen Vorstellung vom Körper als Einheit, der sich im harten Überlebenskampf erhält und fortpflanzt. Dieses »zoozentrische Modell« ist durch eine Reihe von Entwicklungen der biologischen Forschung unterminiert worden, die damit begonnen hat, den Körper in eine wandelbare Konstruktion aus symbiotischen Einzellern aufzulösen. Ähnlich wie zu Beginn des Jahrhunderts das »Unbewußte« die Einheit des Bewußtseins in Frage gestellt hat, führt heute die Entdeckung der bakteriellen und genomischen Unterwelt alles Lebendigen zur Auflösung älterer Begriffe des menschlichen Körpers und der Arten. Die taxonomischen Arten sind demnach Ergebnis der ganz und gar unartigen Promiskuität von Mikroorganismen, deren »Körper genetisch so offen sind, daß der Begriff der Art dem Wesen dieser einzigartigen Lebensform widerspricht«1. Es ist diese genetische Offenheit, die Mikroben zu Modellen und »Komplizen« der Biotechnik-Industrie gemacht hat. Sowohl die neuere Biologie als auch die neuen Biotechnologien verwerten jeweils auf ihre Weise die Mikroorganismen als Träger und Kurier genetischer Information, als ein biologisches Pendant der Mikrochips.
Die neue Biologie entwertet den Gedanken, daß die Natur vor uns oder wir vor ihr zu »schützen« seien. Sie enttarnt die elementaren Gentransfer-Techniken omnisexueller Bakterien und legitimiert dadurch auch den gentechnischen Transfer auf höherer Stufe, indem so die Genmanipulationen der Bio-Industrie als natürliche Prozesse erscheinen. Der Konflikt um biologische Vielfalt und genetische Ressourcen, wie er heute geführt wird, kommt folglich in weiten Teilen ohne Naturpathos aus, obgleich auch die bakteriologisch entzauberte Natur ein Reservoir politischer Metaphern bleibt.
Sobald wir hinter die »umweltpolitische« Fassade des Konflikts blicken, tauchen Bilder auf, die auf ein tieferliegendes Konfliktgelände verweisen. Hört man auf die Sprache von Unternehmenssprechern, Wissenschaftsjournalisten und Naturschützern, dann beheimaten die Tropen riesige »Waldapotheken« und »Datenbanken«, in denen Pharmakonzerne nach neuen Wirkstoffen für ihre Naturstoffreaktoren fahnden. Das kollektive Gedächtnis indigener Bevölkerungsgruppen wird von eigens ausgebildeten Ethnobotanikern nach verwertbaren heilkundlichen und pflanzengeographischen Kenntnissen durchleuchtet. Selbst das Blut verborgen lebender indigener Völker wird von Genetikern und Industrieforschern angezapft, seit 1991 das Human Genome Diversity Project2 ? eine Abteilung des euro-amerikanischen Human Genome Project ? gegründet wurde.
Die Opposition richtet sich folglich nicht mehr einfach gegen den Raubbau an der Natur, sondern gegen großindustrielle Informations-Junkies, gegen Wissenspiraterie und virtuellen Vampirismus. Angst grassiert unter den Eliten des Südens heute weniger vor physischen Hungersnöten als vor »information starvation« ? Wissenshungersnöten ?, die durch neue Patentregimes und den selektiven Zugang zu vitalen Ressourcen hervorgerufen werden könnten.
Daran wird deutlich, wie sehr der Konflikt klassische umweltpolitische Arenen verlassen hat und exemplarisch ist für eine Epoche, die Kevin Kelly, Herausgeber des Internet-Magazins Wired, als »hyperbiologisch« bezeichnet hat: »Das nächste Jahrhundert mündet nicht in ein Zeitalter des Siliziums, wie alle Welt posaunt, sondern in ein biologisches Zeitalter: Mäuse, Viren, Gene, Ökologie, Evolution, Leben. Oder so ähnlich. Tatsächlich mündet das Jahrhundert in ein Zeitalter der Hyperbiologie: synthetische Mäuse, Computerviren, fabrizierte Gene, industrielle Ökologie, überwachte Evolution, künstliches Leben«.3
Autoren wie Kelly machen sich zu Anwälten und Propheten einer »neo-biologischen Zivilisation«, die radikal antirassistisch, industriefreundlich, technophil und androgyn gezeichnet wird. Seine Welt wird eigentlich nur von Ingenieuren, Freaks und Managern bewohnt, wobei genaugenommen alle drei Typen zu einem verschmelzen. Die Zukunft ist ein riesiges Positivsummenspiel, bei dem die Summe aller Erträge größer ist als der Verlust einzelner Beteiligter, die folglich leicht kompensiert werden können. Kooperation ist mithin wahrscheinlicher als Konflikt, und Vertrauen besser als Kontrolle.

Genome zu Goldadern
Gegen diese euphorische Sicht der techno-biologischen Zukunft richten sich viele der Beiträge, die in letzter Zeit unter der Überschrift »political ecology« erschienen sind.4 Das vielleicht stärkste Motiv, das dieser Strömung zugrundeliegt, wendet sich gegen die Optimisten »nachhaltiger Entwicklung«, die in einem Waschgang kapitalistisches Wachstum, schonenden Ressourcenumgang und soziale Gerechtigkeit optimieren wollen. Im Unterschied zu solchen Programmen ist die politische Ökologie die Lehre von den Schwierigkeiten, zwei oder drei Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Gerade das Konfliktfeld biologische Ressourcen, in dem sich Multis, Universitäten, die UNO, Frauenorganisationen, Bauern und Indigene tummeln, erscheint als ein exemplarischer Mikrokosmos moderner politischer Auseinandersetzungen unter dem Streß beschleunigter Globalisierung.
Zunächst geht es offenbar einmal mehr um Verteilungsgerechtigkeit zwischen Nord und Süd. Wo Genome zu Goldadern werden, wollen sich diejenigen nicht übervorteilen lassen, unter deren Obhut und Pflege ein Großteil biologischer Vielfalt entstanden ist oder wenigstens nicht verlorenging. Unter dem Schlagwort »Farmers? Rights« bemühen sich einige NROs gemeinsam mit den Entwicklungsländern seit fast zehn Jahren in der Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), irgendeine substantielle Kompensation für diese Leistungen zu erzielen (vgl. iz3w 202). Daß dieses Bemühen bisher ohne Erfolg blieb, liegt nicht nur an handfesten Interessen, sondern auch an den reichlich plumpen politischen Gleichungen, mit denen in diesem Konflikt von Anbeginn an hantiert wurde. So wird das gern bemühte Bild vom Saatgut-Multi aus dem Norden, der die Subsistenzbäuerin im Süden beraubt, schwer überstrapaziert, wenn es zur Legitimation zwischenstaatlicher Deals herhalten muß. Staaten wie Brasilien und Indonesien, die zu den biologischen »hotspots«, Orten höchster Artendichte zählen, verbinden seit langem beherzten Raubbau an den Wäldern und gnadenlose landwirtschaftliche Modernisierung, die den Vergleich mit Kanada in beiden Feldern nicht zu scheuen brauchen. Noch weniger als Kanada lassen sie sich zu den legitimen Sachwaltern ethnischer und sonstiger Minderheiten zählen. Dementsprechend wird der erleichterte Zugang zu gentechnischen Verfahren, den sich diese Staaten im Gegenzug für die Bereitstellung ihrer biologischen Vielfalt erhoffen, kaum dazu gesucht werden, den Wohlstand der berüchtigten Subsistenzbäuerin zu mehren.
Doch nicht nur an den Zielen und der Integrität einzelner Nationalstaaten sind Zweifel angebracht. Wenn sich die zunehmend »verschlankten« Staaten im Zuge einer Internationalisierung der Natur auch zu größerer Kooperationsbereitschaft auf globaler Ebene bereitfinden, so nimmt doch mindestens im selben Maße ihre Fähigkeit ab, die unterschiedlichen nichtstaatlichen Akteure überhaupt zu steuern. Das ist im Feld der biologischen Vielfalt aus zwei Gründen besonders folgenreich.
Zum einen sind die großen Reservoire der biologischen Vielfalt oft gerade dort zu finden, wo staatlicher Zugriff schon bisher begrenzt war, nämlich in den peripheren und »unmodernen« Regionen. Gerade deshalb blicken ja moderne Ökologen so freundlich auf Menschen, die bescheiden, subsistent und umweltfreundlich leben, wie es den indigenen Völkern nun insgesamt vertraglich bescheinigt wurde. Plötzlich sollen diejenigen zu zentralen Akteuren auf dem Spielfeld werden, die in den Augen der anderen Spieler bis vor kurzem noch als hoffnungslos rückständig und modernisierungsresistent galten.
Zum anderen sind auch die Industrien, deren Wertschöpfung letztlich der Natur zugute kommen soll, weitaus flexibler geworden. Hoechst kann heute in Indien hunderte von Wissenschaftlern in der Naturstoffchemie beschäftigen, den Wirkstoff in den USA herstellen und bald schon in jedem Land der Welt patentieren. Die Gensequenz paßt auf eine Diskette ? ob diese Diskette aber schließlich in Frankfurt Arbeit schafft und mit den Erträgen dieser Arbeit, wie es die Konvention zur biologischen Vielfalt will, wiederum in Indien die Natur geschützt wird, das ist bei aller Standortpolitik in Bonn und Delhi unsicherer denn je.
Derartige Unsicherheiten und die wachsende Rolle sehr unterschiedlicher nichtstaatlicher Akteure sind aus der Sicht der international orientierten politischen Ökologie mehr und mehr der Normalfall. Ihre Sprecher betonen daher den verwickelten Charakter und die »Komplexitäten«5 neuerer ökologischer Konflikte in der Dritten Welt, die sich nicht länger in die vertrauten Denkschemata des Nord-Süd-Gegensatzes pressen ließen. Größere Erklärungskraft wird etwa dem neuen Gegensatz zwischen ortsgebundenen und ortsunabhängigen Akteuren zugetraut, der mit den Gegensätzen von arm/reich, Frau/Mann, Arbeiter/Kapital oder eben Süd/ Nord nicht deckungsgleich ist. Anders als die Dependenztheorie rechnet die politische Ökologie mit dem Aufstieg industrieller Weltregionen auch im Süden und daraus sich neu ergebenden Ressourcenkonflikten; anders als die Modernisierungstheorie zweifelt sie am unerschütterlichen Primat des Staates und der kulturellen Homogenisierung der Welt; anders schließlich als die herkömmliche Umweltsoziologie bestreitet sie die Problemlösungskompetenz von Technokraten und Ressourcenmanagern, die wie keine andere Gruppe ihre Macht durch Ortsunabhängigkeit und weltweite Echtzeit-Kommunikation gesteigert hat.

Die Macht schwacher Akteure
Radikale Diskurse im Bereich der engagierten Dritte-Welt-Forschung haben immer wieder geschwankt zwischen den Allmachtsphantasien eines projizierten Weltproletariats und der Selbstentmutigung durch die Überschätzung der Macht des Gegners. Die neue politische Ökologie hat demgegenüber eine realistische Machtanalyse zum Herzstück ihrer Programmatik gemacht. Orientiert am Ideal asiatischer Kampfsportarten, das bereits Michel Foucault inspiriert hat, zeigt sie sich sensibel für das Paradox, daß gelegentlich »schwache« Akteure durchsetzungsfähiger sind als »starke«. Für Bryant und Bailey sind Konflikte um natürliche Ressourcen und lokale Wissensarten beispielhaft für etwas, das wir die virale Macht schwacher Akteure nennen ? um im riskanten Spiel mit biologischen Metaphern zu bleiben. Darunter ließe sich die vielgestalte Fähigkeit der schwachen Akteure fassen, fern von den Zentren ökonomischer und politischer Herrschaft sehr eigensinnig und folgenreich zu handeln, die Zahl »schwieriger Leute« im Innern großer Organisationen zu mehren, bisweilen unerkannt in den Systemen des Gegners zu wildern, und nicht zuletzt die Geschlossenheit seiner Selbstdarstellung anzugreifen.
Etwas wortkarg werden diese Vertreter der politischen Ökologie erst bei dem zuletztgenannten Aspekt, d.h. wo es um die Rolle von Diskursen und Bildern beim Aufbau oder der Auflösung von Machtbeziehungen geht. Nun sind aber gerade in den neuen Konflikten um biologische Ressourcen Diskurse von maßgeblicher Bedeutung.6 Der Ressourcenbegriff selbst und mit ihm die allgegenwärtige Informationsmetapher, an der sich der biotechnische Zugriff auf das Erbgut von Lebewesen orientiert, bleiben unverständlich ohne den Rückgriff auf institutionelle Diskurse. Die Macht multilateraler Einrichtungen wie der Weltbank, internationaler NGOs und anderer Organisationen im Konfliktfeld biologischer Ressourcen beruht auf der breiten Durchsetzung von jeweils besonderen Deutungsleistungen. Es geht hier oftmals gerade darum, wer berechtigt erscheint, für die Kleinbäuerin, für die Dritte Welt, für die Natur oder für die Menschheit etc. zu sprechen. Arturo Escobar spricht hier in Anlehnung an Foucault von »regimes of representation«, die die Legitimität von Eingriffen in Ökosysteme und Gesellschaften, die politische Eignung von Koalitionskandidaten, die Festigkeit von Bedürfnishierarchien und die Objektivität von Interessenlagen konstruieren.7
Aber auch Escobar, dessen Buch ?Encountering Development? in den USA heftig diskutiert wird, bleibt einer Reihe von Vorurteilen und Vereindeutigungen verhaftet, die sich mit seinem »poststrukturalen« Credo überhaupt nicht vertragen. Das erste Klischee betrifft die Weltbank bzw. die aus dem Rio-Prozeß hervorgegangene Global Environmental Facility (GEF; vgl. iz3w 221), die Escobar zu Verkörperungen einer beinahe gottgleichen Allmacht stilisiert, welche selbst noch das Scheitern größenwahnsinniger Entwicklungsprojekte mit beabsichtigt zu haben scheint.8 Das zweite Vorurteil besteht in der Romantisierung angeblich »ganzheitlicher« Lebensformen in der Dritten Welt, die der kalten Engstirnigkeit westlicher Analytiker gegenübergestellt wird (S. 169). Drittens schließlich beklagt Escobar die »semiotische Eroberung« (ebd., S. 203) des Zentrums von Natur und Leben durch einen neuen, biowissenschaftlich aufgerüsteten Kapitalismus als eine Art Vertreibung des Paradieses aus sich selbst. Somit wimmelt es in der politischen Ökologie immer noch von Götzen, guten Wilden, Paradiesgärten und Höllenschlunden, und die Versatzstücke französischer Pop-Philosophie wirken eher wie modisches Make-up.
Zu den wenigen, die hier einen Schritt weitergehen, gehört Donna Haraway9, die sich um eine Sicht auf neue biowissenschaftliche Machtformen bemüht, die auskommt ohne »die Trennung von Natur und Kultur, bewaffnete Wächter vor Paradiestoren und das heroische Streben nach den Geheimnissen von Leben und Tod« (1995, S. 71). Haraway hat insbesondere auch ein neues Licht geworfen auf die symbolische Bedeutung des Konflikts um biologische Vielfalt in einer globalen kapitalistischen Kultur, in der Differenz und Vielfalt mehr und mehr selbst zu einem Standortfaktor werden. Durchaus nicht als Witz gemeint ist ihr Vorschlag, ?United Colors of Benetton? als eine Ikone des genomischen Zeitalters zu entziffern. Diversität werde wie die DNS zu einem Code der Codes (1997, S. 261f). Indem die Hautfarbe zum Modeartikel wird, verschwindet zwar nicht die rassistische Macht, sie wird jedoch neu repräsentiert. So verändert das neue »biowissenschaftliche Regime von Macht und Wissen« mit neuen Aneignungsweisen von Natur auch unsere Selbstwahrnehmung.
Haraway bietet einen guten Ansatzpunkt für die Entwicklung von politischen Positionen innerhalb der Kontroverse um biologische Ressourcen, die über Forderungen nach dem »Schutz« von Artgrenzen, Naturräumen und Lebensweisen hinausgehen. Foucault hat gezeigt, wie sich das Konzept der Familie als privater Schutzraum parallel zur wissenschaftlich-administrativen Durchdringung der Intimbeziehungen entwickelte. Ähnliches entdeckt Haraway für Konstruktionen der »Natur«, die wir uns abwechselnd als Labor und als interventionsfreies Idyll vorstellen.
Man kann leicht zeigen, daß solche Konstrukte auch viele kritische Beiträge in der Diskussion um biologische Vielfalt bestimmen. So heißt es in einem Policy-Paper der Stiftung Entwicklung und Frieden: »Wichtig ist, daß die lokale Bevölkerung und indigenen Gemeinschaften, die großes Wissen über biologische Vielfalt in die Suche nach neuen Wirkstoffen einbringen können, in der Absicherung ihrer Rechte unterstützt und in ihrer Erhaltungsarbeit gefördert werden«.10 Was in dieser wohlklingenden Aussage erst beim zweiten Lesen durchschimmert, ist der Gedanke einer globalen biopolitischen Arbeitsteilung, in der lokale Gemeinschaften der Dritten Welt unterstützt werden, damit sie ihr Wissen einbringen können und biologische Ressourcen erhalten, während industrielle Pioniere aus den OECD-Ländern die technologische Nutzung dieser Ressourcen übernehmen und reich werden. Das wäre so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was andere Vertreter der politischen Ökologie vor kurzem als »Befreiungsökologie« bezeichnet haben.11 Während von diesen die Umwelt vor allem als ein symbolisches Terrain konzipiert wird, in dem sich soziale Kämpfe neu artikulieren, so wird in dem genannten Zitat die soziale Frage mitsamt der Natur zu einer reinen Funktion für die kapitalistische Verwertung. Indem der Blick auf die eigensinnige Ressourcennutzung lokaler Bevölkerungsgruppen verstellt wird, werden diese nicht nur zu Museumswärtern der Natur degradiert, sondern schließlich auch selbst zu Museumsstücken.
So steht die Kritik einer schrankenlosen Kommerzialisierung und Inwertsetzung der Natur fortwährend in einer doppelten Gefahr, was ihre Haltung gegenüber den von diesem Zugriff noch nicht erreichten Resten angeht. Entweder diese bekommen eine Aufgabe zugewiesen, die auf ihrer Marginalisierung beruht und sie neu festschreibt, oder sie werden zu Fetischen gemacht, die nicht mehr sind als lebende Wachsfiguren des globalen Casino-Kapitalismus.

Anmerkungen:

1 Sagan, Dorion 1992: Metametazoa: Biology and Multiplicity, in: Jonathan Crary/Sanford Kwinter (Hg.), Incorporations, New York: Zone/MIT Press, S.378

2 Das Human Genome Diversity Projekt wurde 1991 nach einem Aufruf des Populationsgenetikers L. Cavalli-Sforza in der Zeitschrift ?Genomics? ins Leben gerufen. Bevor alles zu spät ist, weil die indigenen Völker in absehbarer Zeit aussterben, soll in einer gemeinsamen Kraftanstrengung weltweit Erbsubstanz von indigenen Völkern gesammelt, analysiert und konserviert werden.

3 Kelly, Kevin 1995: Out of Control: The New Biology of Machines, London: Fourth Estate, S.236f.

4 Wir verwenden hier ? und meinen auch im weiteren Text ? den Begriff aus der angelsächsischen Literatur, der sich von der deutschsprachigen Debatte unter anderem durch einen starken internationalen Bezug unterscheidet (vgl. Bryant/ Bailey).

5 Bryant, Raymond L./Bailey, Sinéad 1997: Third World Political Ecology, London: Routledge, S.191

6 Zerner, Charles 1996: Telling stories about biological Diversity, in: Stephen B. Brush/Doreen Stabinsky (Hg.) Valuing local knowledge Washington/Covelo: Island Press

7 Escobar, Arturo 1995: Encountering Development: The Making and Unmaking of the Third World, Princeton, NJ: Princeton U.P.

8 Für eine intelligente Kritik herkömmlicher Weltbankkritiken, vgl. Hanke 1996. Hanke befaßt sich auch mit der eigentümlichen ?Symbiose der Weltbank und ihrer Kritiker? (ebd. S. 342)

9 Haraway, Donna 1995: Otherworldly Conversations, Terran Topics, Local Terms, in: Vandana Shiva/Ingunn Moser (Hg.), Biopolitics: A Feminist and Ecological Reader on Biotechnology, London und Penang, Malaysia: Zed Books/Third World Network; dies., 1997: Modest Witness@Second Millenium. FemaleMan Meets Oncomouse, New York/London: Routledge.

10 Gettkant, A./Suplie, J./Simonis, Udo 1997: Biopolitik für die Zukunft. Policy Paper 4, Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden, S.10

11 Peet, Richard/Watts, Michael 1996: Liberation Ecologies. Environment, Development, Social Movements. London/New York: Routledge.


Michael Flitner und Volker Heins sind zusammen mit Christoph Görg Herausgeber des demnächst erscheinenden Bandes Die politische Entwicklung der Natur. Neue Konflikte um biologische Ressourcen (Leske u. Budrich).