Volltext

(Artikel * 1997) Cernay, Thomas
Anleitungen zum Leblos-Sein Der biotechnische Zugriff auf das Subjekt Biopolitik
in Blätter des iz3w Nr. 225 * Seite 20 - 22
Themen: Biopolitik * Dok-Nr: 130936
Biopolitik


bios (Bogen, Leben):
Des Bogens Namen also ist Leben,
sein Werk aber Tod.

Heraklit, Fragmente.



Anleitungen zum Leblos-Sein
Der biotechnische Zugriff auf das Subjekt


von Thomas Cernay


Biotechnologie stellt sich als folgerichtiger Schritt in der Verfeinerung der Machttechniken dar. Die subtile Beherrschung der Subjekte ist der Sinn des Übergangs vom militärisch-industriellen zum bio-industriellen Komplex. Die Macht erreicht eine höhere Auflösung ? man operiert nicht mehr nur in den Kategorien von Volk und Rasse, man operiert im Individuum. Nach der Disziplin dringt die Technik in den Körper ein.

Zur Kontrolle von Sicherheit und Angst erzeugen Nationalismus und Rassismus vor allem den Code von eigen/fremd als ein wesentliches Instrument der Herrschaft. Beim Voranschreiten vom Volkskörper zum Körper des Subjekts bezieht sich der gleiche Code zusätzlich auf die Spaltung des Einzelnen in Ich / Körper. Der Körper rückt damit in die Stellung des unkontrollierten Fremden und Anderen. Sicherheit vor den Fremden bietet der nationale militärisch-industrielle, Sicherheit vor den Attacken des Körpers verspricht der internationale bio-industrielle Komplex. In beiden Fällen verlangt die Kanalisation und Abwehr der Angst eine spezifische Kontrolle über Leben und Tod. Militärische Kontrolle ? Körperkontrolle.
Über die territorial-physische Sicherung hinaus ermöglicht der Code einen zweiten, symbolischen Modus der Akzeptanz von Herrschaft, die Identifikation. Die Nation gibt dem Subjekt mit dem Code von eigen/fremd trivialerweise nationale Identität, im Individuum dagegen läßt die Spaltung von Subjekt und Körper nur noch die Selbstbezüglichkeit von Selbst und Selbstbild zu. Die Konkretisierung dieser Position ist die symbolische Operation, die die »life science« neben der Kontrolle des Körpers unternimmt. Mehrere Gründe sprechen dafür, daß Narziß das Modell eines Subjektes für das biotechnische Modell des Körpers werden soll. Bereits die nationale Identität trägt die Züge einer narzißtischen Wunschvorstellung. Man ist nur stolz, wenn man Deutscher ist. Der Mangel an Selbstwert wird durch die Projektion in die Größe der Nation überwindbar. Narziß tritt uns auch in den Nah- und Fernerholungsgebieten entgegen. Im Anblick der Landschaft genießt er dort still die eigene Größe. Die Liebe zur Technik ermöglicht einen überschwenglicheren und meist lärmenden Narzißmus. In der Bewunderung des Funktionierens der eigenen Schöpfungen leuchtet uns ein, daß wir noch besser als wir selbst sind. Die Möglichkeiten der biotechnologischen Körperkontrolle kommen dem Narzißmus wesentlich weiter entgegen. Der Spiegel, den die Biotechnologie dem Subjekt vorhält, liefert vielfältige Bilder vom schöneren und besseren Körper. Der Körperkult, weniger eine Feier des Leibes als ein breitangelegter Angriff auf denselben, handelt von der Veränderbarkeit eines dem Willen unterworfenen Körpers und vom Erwerb des Wunschkörpers als neuer Handlungsmaxime.
Ein Fortschritt, der zur Herstellung und Vertiefung individueller Akzeptanz der Herrschaft führen soll und kann. Sicherte in den Nationalökonomien zunächst die Beseitigung des Mangels, später die Erzeugung und Befriedigung von Wünschen, das Einverständnis mit der kapitalistischen Produktionsweise, so wird das Subjekt in der Biorevolution zum Aufstand gegen den eigenen Körper verführt. Die Wünsche des Subjekts sind nicht mehr auf die herkömmliche Besitznahme von Gütern beschränkt. Körpermodelle reizen zu neuen Aneignungen, dazu, vom Habenwollen zum Seinwollen weiterzuschreiten. Aber nirgends wird klarer, daß dieses Subjekt gemacht wird. Jeder kann, ökonomische Potenz vorausgesetzt, Narziß werden und sich zu einem Bild umformen lassen, das der Selbstliebe wert ist. Der grassierende und immer infantilere Narzißmus ist das zeitgemäße Lebensmodell, das durch die Biotechnik herstellbar wird. Die Selbstliebe dieses Prototyps des spätkapitalistischen Subjektes sichert die optimale Akzeptanz der ihn produzierenden Verhältnisse. Der moderne Narziß löst Adam Smiths Egoisten als Triebfeder der ökonomischen Entwicklung ab.

Alles wird gut!
Heute ist ?bio? eine, wenn nicht die moderne Formel für den Pol ?positiv?. »Gesund«, »natürlich« und »ohne chemische Zusätze« finden die Sprachbeobachter des Duden. Die semantische Verallgemeinerung von ?bio? ist damit aber nur unzureichend erfaßt. Vom Gesundheits- und Körperkult bis zum industriellen Zugriff auf das organische Material ist alles ?bio?. Mit neuen Namen suggerieren uns Konzerne wie die »Novartis«-Gruppe »neue Künste«. Neu, Leben, Wissenschaft, Kunst ? dieses Übermaß an Positivität, das das Label »life science«1 ausstrahlt, ersetzt alte Heilsversprechen. Alles wird gut. Das Leben wird besser. Die Aussichten auf synthetisch-schöpferische Möglichkeiten sind phantastisch, und der Fluchtpunkt dieser Perspektive wird längst offen zugegeben: Endsieg über Krankheit und Tod. Das Radikale dieser Simplifikation ist nicht nur ihre einseitige Aufladung, sondern der feste Glaube an die Erkenn- und Machbarkeit des Guten, also auch des Lebens. Das Leben wird mehr wert, das Leben ist Zugewinn. ?Bio? ist der angemessene Ausdruck eines fortgeschrittenen Produktionswahns. Der inflationäre und quasireligiöse Gebrauch der Bio-Formel hat dabei unsere Unfähigkeit einer rationalen Lebensdefinition und die Leblosigkeit der biotechnischen Manipulationen zu bedecken.
Logisch fungiert das Leben offensichtlich als Negation des Todes, der Tod als Negation des Lebens. Die wechselseitige Bestimmung setzt damit die Möglichkeit einer positiven Definierbarkeit eines der beiden Pole voraus. Bisher hielt man sich im Allgemeinen für lebendig, und es nimmt nicht wunder, daß das Augenmerk stets auf Listen gerichtet wurde, die exklusive Eigenschaften des Lebens aufzuzählen versuchten: Stoffwechsel, Fortpflanzung oder Selbstorganisation. Alle Kriterienkataloge teilen das gleiche Schicksal. Es sind Selbstdefinitionen des Menschen, die durch die Fortentwicklung des Wissens wie der Gesellschaft unhaltbar geworden sind. Das philosophische Bemühen um eine rationale Begründung dieser Differenz hat sich dabei von gröberen Biologismen auf Felder wie Embryologie und Kybernetik2, also systemtheoretische Versionen verschoben. Widerspruchsfreie oder formalisierbare Definitionen des Lebens fehlen trotzdem nach wie vor. Also bleiben nur soziale Konstruktionen, um in der Frage von Leben und Tod die Wahrnehmung eines Unterschiedes zu ermöglichen. Die Etablierung der Bioreligion und Bioethik ist die nichttechnische Voraussetzung für die Produktion des Lebens im Allgemeinen und des neuen Menschen im Besonderen.
Aber die Werbung hält nicht, was sie verspricht. Auf den zweiten Blick erscheint der Triumph des narzißtischen Subjekts eher schal. Vor der großartigen Synthese des Lebendigen steht die rationale Analyse. Für den Verstand ist das Leben nur in kleinsten Portionen verdaulich, und der wissenschaftlichen Erkenntnis geht stets die Beförderung des Lebens zum Tode voraus. Der Organismus muß zerlegt werden, da er als Ganzes unbegreiflich bleibt. Mit jedem technischen Schritt verliert das Individuum Terrain, mit jedem erklärbaren Mechanismus verliert der Organismus ein weiteres Teil, auch wenn er neue oder künstliche Organe zugesetzt bekommt. Organon, das Werkzeug, erhält seine alte umgangssprachliche Bedeutung zurück. Was die Wissenschaft berührt, es wird ? wie bei Midas ? leblos. Der Preis für die Verwandlung des Lebens in Positivität ist immer der Tod. Und der Prozeß von Fleisch zu Lego ist unumkehrbar.

Die Schöpfungen
bleiben die Summe ihrer Teile
Eine Technik, die sich ?bio? nennt, verschleiert nur die Gleichsetzung von Leben und Tod, die sie vollzieht. Es handelt sich um die Verwechslung des Lebens mit einem Modell, die Landkarte gilt als Territorium. Diese klassische Fehlleistung gehört zu den Grundlagen des Phantasmas von der Erzeugung des Lebendigen. Organismen mit rekombinierter Erbsubstanz bleiben Werkzeuge, die aus der Sphäre des Lebens herausgebrochen sind. Die Beziehung zu den Organismen, aus denen sie gemacht werden, ist wie die der Wurst zum Schwein.
Technik ist »funktionierende Simplifikation« , wie Luhmann positiv definierte, »ist eine Form der Reduktion von Komplexität, die sich konstruieren und realisieren läßt, obwohl man die Welt und die Gesellschaft nicht kennt, in der dies geschieht: ausprobieren an sich selber. Die Emanzipation der Individuen ? wohlgemerkt auch der unvernünftigen Individuen ? ist ein unvermeidlicher Nebeneffekt dieser Technisierung«3. Technik ist auch die uns vertrauteste Form des Toten. Unser intimer Umgang mit den Dingen, die wir selbst zum Funktionieren bringen, entspringt vermutlich einem eingefleischten Hang zum Animismus, der Zubilligung eines Subjekts zur Funktion, eines Täters zum Tun. Funktionieren, ein quasilebendiger Zustand auf den sich Mensch und Robotik gleichermaßen zubewegen. Das Subjekt muß nicht erst eine bestimmte Anzahl der Teile seines Körpers austauschen, um das Subjekt einer Maschine zu werden. Es ist Cyborg in dem Moment, in dem es den Körper nur noch als Funktion und Summe begreifen kann und somit den Reduktionismus der Technik verinnerlicht und mitorganisiert. Ein Herz aus Eisen ist einem Herz aus Protein dann vorzuziehen, wenn es in jeder Hinsicht besser funktioniert. Die organische Materie, eine Ansammlung molekularer Maschinen, ist so tot wie jede andere Maschine auch. Die Gentechnik ist Genmechanik, und die Raffinesse der Biotechnik kann nur zu einer funktionalen Ununterscheidbarkeit zwischen Leben und Tod führen.
Alles spricht dafür, daß das höhere Wesen im narzißtischen Spiegel nur ein Cyborg sein kann. Aus seiner Sicht gleichen wir Behinderten. Wir sind zu langsam, unsere frei verfügbare Rechenkapazität ist niedrig. Im Hinblick auf die Funktionen sind wir immer unvollständig. Spätestens in den entstehenden Technotopen brauchen wir die Hilfe verschiedenster Prothesen, um zu überleben. Das überlegene Funktionieren der Maschinen zwingt uns, uns durch »erweiternde« Zusätze zu verbessern. Die Eugenik der Wünsche beginnt mit Fitnesstudio und Schlankheitskur, Schönheitschirurgie und Frischzellen, verlangt dann den Austausch von Teilen und könnte bei einer Totaltransplantation enden. Die Zumutung, die uns im Cyborg gegenübertritt, ist die letzte in einer längeren Reihe narzißtischer Kränkungen. Der Mensch als Mittelpunkt der Welt ? geopfert in der kopernikanischen Wende. Seine höhere Abkunft ? von Darwin durch eine niedere ersetzt. Der freie Wille ? gesteuert durch Freuds Unterbewußtes. Die positive Auszeichnung des Lebens vor dem Tode ? vom Fortschritt der Technik überholt. Die Illusion des Subjektes und des Lebendigen versinkt in einer Welt funktionierender Materie auf die gleiche Weise wie zuvor die des göttlichen Wesens. Gott ist tot. Und wir sind schon viel länger und umfassender tot, als wir uns glauben machen.

Lieber fit als tot oder lebendig
Der Narzißmus ist beim gegenwärtigen Stand der Technik noch nicht für alle anbietbar. Ganz aktuell macht sich dies in der Hirntoddebatte bemerkbar. Hier sind ausnahmsweise die Kriterien oder die normierbare Feststellung des Todes von größerem Interesse als die des Lebens. Der systemimmanente Bedarf des Transplantationswesens an Organen soll befriedigt und durch gesetzliche Formalisierung die Akzeptanz des ? für den »Spender« ? finalen Rettungseingriffs gesichert werden4. An dieser Stelle sind aber weniger die Interessen von Bedeutung als die Widersprüche, die mit der neuen Definition in Kauf genommen werden. Der Tod des Körpers wird in eine Vielzahl von Todesprozessen zerlegt, die Elemente einer hierarchischen Wertordnung sind. Einzelne Teile des Menschen können damit bereits tot sein, ohne daß vom Tod des Individuums gesprochen werden darf. Umgekehrt erlaubt der Tod des Gehirns vom Tod des Ganzen zu sprechen. Die Qualität »tot« wird hiermit paradoxerweise auf genau die Teile und Organe des Körpers anwendbar, die im medizinischen und biologischen Sinn vor einem Qualitätsverlust geschützt werden, die für das »Weiterleben« im Empfänger frisch bleiben sollen. Um der Verderblichkeit der Organe entgegenzuwirken, muß der funktionierende Kreislauf oder das schlagende Herz aus der Liste der Lebenskriterien gestrichen werden. Bereits vor der Explantation und unter Beibehaltung ihrer vollen Funktion verlassen die Körperteile die Sphäre des Lebendigen ohne wirklich in die des Todes einzutreten. Der lebende Körper heißt tot.
Mit dem Hirntod verbindet sich eine abendländische Auffassung vom geistigen Wesen des Menschen, die die cartesische Spaltung in Leib und Seele medizintechnisch vertieft. Das Ende der kognitiven Funktionen und der Wahrnehmung, der Tod des Subjekts ist gemeint. Das erzwingt einen neurologischen Widerspruch, denn der Großteil der Hirnfunktionen hat mehr mit dem Körper als mit dem Subjekt zu tun. Eine weitere Verschiebung der Todeskriterien ist damit absehbar, hin zum Teilhirntod, zum Beispiel dem neokortikalen Tod, der am Ausfall der höheren Hirnfunktionen festzumachen wäre. Gegenüber dem Tod der Großhirnrinde, vermeintlich identisch mit dem des Subjekts, läßt sich das Leben oder der Tod des Körpers bagatellisieren. Der Hirntod, Mosaikstein der Biorevolution, zeigt exemplarisch das Verwischen von Grenzen. Im Ergebnis schafft seine Definition nur eines ? das Gegenteil eines Unterschiedes zwischen Leben und Tod.

Anmerkungen:

1 Als »life science« preist sowohl die scientific community als auch die Bioindustrie ihr Handwerk.

2 Gregory Bateson, Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987.

3 Niklas Luhmann, Beobachtungen der Moderne, Westdeutscher Verlag, Opladen 1992.

4 Günter Feuerstein, Body-Recycling-Management, in: Bernward Joergens (Hg.), Körper-Technik, Edition Sigma, Berlin 1996.



Thomas Cernay ist Mitarbeiter des iz3w.