Volltext

(Artikel * 1997) Schmid, Bernhard
Die Warlordisierung eines Landes Blutreinigung und Banden im Bürgerkrieg algerischer Bürgerkrieg
in Blätter des iz3w Nr. 225 * Seite 4 - 6
Themen: Bürgerkrieg * Dok-Nr: 130929
Algerien

Die Warlordisierung eines Landes
Blutreinigung und Banden im Bürgerkrieg

von Bernhard Schmid


Mit dem Massaker in Rais Ende August (über 300 Tote) hatte die Gewalt im algerischen Bürgerkrieg einen neuen Höhepunkt erreicht. Warum begehen die Guerillagruppen der GIA derartige Massaker, und warum läßt das Militär sie geschehen? Handelt es sich bei dem Konflikt um einen Kulturkampf zwischen Islamisten und Säkularisten, oder bekriegen sich verfeindete Banden im Streit Macht und Beute?
In Algerien sind mittlerweile die Schlächtereien zum Alltag geworden, und es stellt sich die Frage, inwieweit sie auf den »politischen Islam« zurückgehen. Manche Beobachter stellen dies in Frage. Am weitesten geht derzeit der »Maghreb und Islam-Experte« Bruno Etienne: »Für mich werden drei Viertel der Attentate vom amtierenden Regime verübt. Wie funktioniert dieses System? Die Sécurité militaire (der militärische Geheimdienst) hat alle Guerillagrüppchen der GIA1 unterwandert. Die Tatsache, daß die meisten jungen Leute dieser Kommandos in den Gefängnissen ermordet werden, nachdem sie gestanden haben, ist ein untrügliches Zeichen.« (Le Figaro, 30./31. 8.97) Eine aufsehenerregende These, allein sie ist unlogisch. Entweder werden Angriffe der Armee als islamistische Schlächterei verkleidet. In diesem Fall sind die Urheber der Terrorakte wohl kaum in den Knästen des Regimes umgebracht worden. Oder aber es existiert eine »echte« terroristische Bewegung, deren Mitglieder ? neben möglichen Spitzeln der Repressionsorgane des Staates, die es häufig in bewaffneten Gruppen gibt ? eine eigene Motivationsbasis für ihr Handeln besitzen.
Davon sollten wir entgegen Etiennes »Rat« ausgehen, denn im Fall des Massakers von Rais wurden zwei Mitglieder des Killerkommandos, die aus dem Städtchen stammten, von dessen Bewohnern erkannt ? es waren ehemalige örtliche Kader des FIS. So warnte der links-republikanische und laizistische Oppositionspolitiker Said Sa?di, Präsident der »Sammlung für Kultur und Demokratie«, RCD: »Manche Algerien-Spezialisten, ehemalige Berater oder Lobsinger der Militärdiktatur bemühen sich, die Islamisten von diesem Massakern weißzuwaschen. Das ist nicht sehr vernünftig.« (Le Figaro, 1.9.97).
Die abenteuerlich anmutenden Spekulationen eines Bruno Etienne gehen an einer simplen Realität im algerischen politischen Leben vorbei. Tatsächlich existierte im Land schon vor der seit 1992/93 eingetretenen, extrem gewalttätigen Verschärfung der Krise ein politischer Diskurs, der ein Blutbad als notwendige Reinigungskur der algerischen »Identität« von dem fremden Schmutz, den Kolonialismus und die »westliche Moderne« hineingetragen hätten, rechtfertigte. So zitiert der Journalist Hassan Zerouki den FIS-Führer2 Abassi Madani, der im Januar 1990 in der südalgerischen Stadt Bousaada vor mehreren Tausend Menschen ausrief: »Wir sind bereit, zwei Drittel der algerischen Gesellschaft zu opfern, um dem übrigbleibenden Drittel zu erlauben, erfolgreich auf dem Weg Gottes zu schreiten.« (L?Humanité, 1.9.97) Während des FIS-Wahlkampfes für die Parlamentswahlen vom Dezember 1991 und Januar 1992 (die dann zwischen den beiden Wahlgängen abgebrochen wurden) proklamierte Mohammedi Said, ehemaliger SS-Freiwilliger im Offiziersrang und später Offizier der »Nationalen Befreiungsarmee« ALN im Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich, im Stadion des 5. Juli in Algier: »Wir sind bereit, um dieses Land zu gesunden, zwei Millionen seiner Einwohner zu liquidieren.«

Identität und Blutbad
Woher kommt diese Vision vom säubernden Blutbad? Ihr Hintergrund in der algerischen »kollektiven Psychologie« ist zweifellos der Schock, den der französische Kolonialismus auf die Gesellschaft des Landes ausgeübt hat. Er bewirkte eine tiefe Spaltung, die bis heute nicht überwunden ist. Dessen Wirkungen waren in Algerien weit tiefer als in anderen von europäischen Mächten eroberten Regionen ? denn Algerien war mehr als eine (von außen beherrschte) Kolonie, es wurde als »integraler Bestandteil des Mutterlandes« in Form dreier Départements der französischen Metropole einverleibt. Die Siedler, die aus Frankreich, aber auch aus Italien und Spanien ins Land strömten, waren daher vollwertige Bürger des französischen »Mutterlandes« ? während die arabisch-muslimischen Einwohner einen minderwertigen Rechtsstatus behielten. Hingegen erhielten die Juden (ab 1870) und Teile der »modernisierten« arabo-muslimischen Eliten (ab 1944) ihrerseits die französische Staatsbürgerschaft. Teile der Eliten strebten zunächst eine Integration dieses größeren Bevölkerungsteils (eine Million Europäer standen am Ende der Kolonialära acht Millionen Muslimen gegenüber) als Vollbürger ein. Als hervorgerufen durch die starr ablehnende Haltung der Weißen Algeriens der Unabhängigkeitskampf ausbrach, stellten sich manche Schichten der muslimischen Bevölkerung auf die Seite Frankreichs ? nicht immer aus Gründen feiger Anpassung, sondern oft aus bewußten Motiven heraus. So fürchteten beispielsweise Angehörige der kabylischen (berberischen) Minderheit eine Dominanz der Araber in einem unabhängigen Algerien.
Schon unmittelbar nach der Unabhängigkeit 1962 wurde versucht, die Spaltung mit Gewalt »zu überwinden«. Opfer waren die »Harkis«, jene Algerier, die von Frankreich in Milizen gegen die Unabhängigkeitskämpfer rekrutiert wurden. Sie flohen gemeinsam mit den Europäern aus Furcht vor Rache. Zwischen 60.000 und 100.000 von ihnen wurden im Land umgebracht, was in ihren Familien und Clans wiederum Rachegefühle gegen die neuen Sieger heranreifen und die tribale Struktur der algerischen Gesellschaft sowie die unterschwellig schlummernde Gewalt fortleben ließ.
Im neuen unabhängigen Algerien selbst bekämpften sich zwei Stränge von Eliten: eine frankophon sozialisierte und ausgerichtete, häufig revolutionär-sozialistische und eine arabo-muslimische orientierte. Erstere dominierte nur die ersten beiden Jahre. Die Förderer der »arabo-muslimischen Identität« besetzten den Sektor der Kultur- und Bildungspolitik und verfolgten eine Arabisierung des Landes, vor allem an den Universitäten. Da aber die Sprache der Wirtschaft weiterhin französisch war und die Sprache des Alltags ein Dialekt ist, der sich stark von der hocharabischen Schriftsprache unterscheidet, fanden sich die Universitätsabgänger im gesellschaftlichen Niemandsland wieder.
So verwundert es kaum, daß mit den Jahrzehnten immer neue minoritäre Strömungen dieser »arabo-muslimischen Identität« in Opposition zum Regime gerieten. Es bildete sich ein beständig wachsendes Reservoir an widerständigen Strömungen, die vom offiziellen Diskurs der »neu zu begründenden algerischen Identität« ausgingen und dessen Inhalt in Opposition zu den bestehenden Verhältnissen brachten und radikalisierten. In Algerien existiert dazu das Wortspiel: »Le FIS est le fils du FLN (Der FIS ist der Sohn der FLN)«. Die vom radikalisierten Islamismus verkörperte Forderung nach Reinigung der algerischen Identität von fremden Einflüssen stellt nur die extreme Fortschreibung des vorher herrschenden Diskurses dar. Mit einem bedeutenden Unterschied: Das alte System hatte die neue »algerische Persönlichkeit« positiv zu begründen versucht, etwa durch die Arabisierungspolitik, während seine Radikalisierung dies negativ tut durch radikale Ablehnung der bestehenden »verfremdeten« Verhältnisse und durch Ausgrenzung von immer grösseren Personenkreisen: ihre Rechte fordernde Frauen, Konsumenten von Alkohol, Tabak, und Musik. Der Identitätsdiskurs änderte also nur den Inhalt, nicht die Form. Die Spaltung und der Versuch, sie gewaltsam aufzuheben bleiben bestehen .

Vom Gotteskämpfer zum Desperado?
Der fundamentalistische Diskurs, der ein gewaltförmiges Reinigungsbad vorsieht, stößt auf extrem fruchtbaren Boden bei einer perspektivlosen und frustrierten Jugend in den Vorstädten und Armenvierteln der Großstädte, insbesondere in Algier. Soziale Ausweglosigkeit (die offizielle Arbeitslosenrate im Land beträgt 28,1 Prozent!) stößt hier zusammen mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie sexuelle Frustration ? in einer Gesellschaft, die durch rigide Moral und Geschlechtertrennung geprägt ist und in der eine persönliche Intimssphäre den meisten unbekannt ist. Diese explosive Mischung motiviert zahlreiche männliche junge Marginalisierte dazu, zu »menschlichen Bomben« zu werden, die alles zu vernichten bereit sind, was in ihren Augen unzulässigen Spaß verkörpert, den sie sich im Leben nicht erhoffen konnten.
Letzteres allerdings soll sich für viele von ihnen ändern, sobald sie alle Hemmungen abgelegt und ihr Leben dem Dasein als strafende »Gotteskämpfer« gewidmet haben. Denn aller sozialen Fesseln entledigt, können sie sich gewaltsam nehmen, was für sie bis dahin unerreichbar schien ? wie etwa Sexualität. Allgemein bekannt ist inzwischen die Praxis der GIA, die Mädchen entführen und ? von ihren religiösen Führern legitimiert ? vergewaltigen. In Rais etwa verschleppten die Terroristen nach Zeugenaussagen 50 Frauen und Mädchen, daneben nahmen sie Nahrungsmittel und Vieh mit. Vom streng ideologischen Kampf gegen das Böse gehen viele von ihnen über zu einem Desperadotum, das auf brutale Weise der Aneignung alles Erwünschten durch die »Kämpfer« dient ? zumal ihr materielles ökonomisches Überleben oft auch keine andere Wahl läßt, als die Bevölkerung zu plündern. Diese Tendenz zum Banditenwesen werden die GIA, die durch ihre dezentrale Struktur bestens für eine Zerfaserung in autonom operierende Banden geeignet sind, immer mehr zu einer Mischung aus extrem gewalttätiger Sekte, Piraten und Wegelagerern umwandeln.
Es spricht einiges für die These, daß es sich bei den Überfällen auf die Dörfer um die Eintreibung einer Blut-Steuer als Ersatz für eine nicht mehr bezahlte, vormals erpreßte Abgabe handelt. Tatsächlich fanden die jüngsten Massaker zum größten Teil im Umland von Algier statt, wo 80% der Gemeinden 1990/91 Islamisten an die Spitze gewählt hatten. Die bewaffneten Fundamentalisten genoßen hier jahrelang eine gewiße Unterstützung. Nunmehr sie diese verloren haben, gehen die bewaffneten Gruppen zum massiven Angriff auf die »verräterische« Bevölkerung über ? zwecks Einschüchterung und Plünderung.
Dennoch sollte man die ideologische Dimension nicht vernachlässigen: So ist bekannt, daß in den Bulletins der GIA viele Köpfe des FIS,die ihnen als viel zu »schlaff« und zu theoretisch ideologisch gelten, mit dem Tode bedroht werden. Der radikalste Kopf der FIS-Führung, Ali Benhadj, ist jedoch nie Opfer eines solchen Tötungsaufrufs gewesen: Auch die GIA wissen, wer ihnen politisch-ideologisch nahe steht und wer nicht. Ob nun Identitätsfragen oder sich verselbständigendes Banditenwesen den Terror am zutreffendsten erklären, kann nicht mit Eindeutigkeit entschieden werden.

Die anti-
fundamentalistische Koalition
Das dem Fundamentalismus entgegengesetzte Lager des algerischen Bürgerkrieges wird in den hiesigen Medien gerne auf die Militärs reduziert. Dieses so gezeichnete Bild ist falsch. Nach dem Abbruch der Wahlen im Januar 1992, die den FIS legal an die Macht zu bringen drohten, gründete sich ein »Nationales Komitee zur Rettung Algeriens« (CNSA), dessen Vorsitzender der Generalsekretär des algerischen Gewerkschaftsbundes UGTA (Union Générale des Travailleurs Algériens) war, der am 28. Januar 1997 ermorderte Abdelhak Benhamouda. Die Basis der Koalition umfaßt also sowohl die Armee, die das amtierende Regime kontrolliert, als auch die Massenbasis der UGTA oder die Frauenbewegung, die ? wie am 22. März 1994 ? zu Hunderttausenden gegen den Fundamentalismus und für ihre Rechte demonstrierten.
Der Linksrepublikaner Said Sa?di, der als einer von sehr wenigen Politikern an dieser Demonstration teilgenommen hatte, rief zur selben Zeit zum »bewaffneten Widerstand gegen den islamistischen Terror« auf. Mit der Entführung des Sängers Matoub Lounès am 25. September 1994 beginnt die Selbstbewaffnung an der Basis: die »berberische Kulturbewegung« MCB bedroht die GIA mit bewaffneten Repressalien, falls diese den Künstler nicht freiließen (was sie dann tatsächlich tun). Die ersten bewaffneten »Selbstverteidigungsgruppen« und »patriotischen Milizen« werden u.a. von dem Aktivisten der ex-kommunistischen Bewegung »Ettehadi«, Mohammed Sellami, gegründet. Im März 1995 legalisiert der Staat diese Milizen in einem Gesetz über die »zivile Verteidigung«. Heute werden die auf diesem Weg Bewaffneten auf bis zu 200.000, neben der Armee mit 180.000 Mann, geschätzt.
Im Inneren der »Festung«, welche die Reste der modernen Gesellschaft in Algerien bildet, besteht eine Koalition, die in etwa mit dem zu vergleichen ist, was den Kemalismus in der Türkei ausmacht: ein Bündnis, das von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern über nationalkonservative Republikaner bis hin zu extrem autoritären Militärs reicht. Einigendes Band dieser heterogenen Koalition ist die Vorstellung eines modernen republikanischen Nationalstaats, in Abgrenzung zum als archaisch verstandenen Fundamentalismus. Im Gegensatz zum türkischen Kemalismus, der alle Staatsparteien umfaßt und gesellschaftlich bisher dominierend erscheint, gleicht dieses algerische Bündnis jedoch einer belagerten Wagenburg, deren Insassen durch die Wahlergebnisse des Dezember 1991 in eine minoritäre Stellung gedrängt wurden. Zwar hat seitdem ohne jeden Zweifel eine Mehrheit der damaligen FIS-Wähler dem fundamentalistischen Gesellschaftsprojekt den Rücken gekehrt, da die massive Gewaltanwendung der Islamisten gegen die Zivilbevölkerung diese zunehmend abstößt. Die alltägliche terroristische Gewalt, welche die gesamte Gesellschaft bedroht, hat jedoch für einen permanenten Belagerungszustand gesorgt.
Die Befehlsgewalt haben dabei die Militärs, wenngleich einige Strömungen im antifundamentalistischen Lager des Bürgerkriegs ? wie die Linksrepublikaner des RCD unter Said Sa?di, der schon gegen das alte FLN-Regime opponierte ? ihre Politik offen kritisieren. Denn die örtlichen Milizen sind auf ihre jeweilige Lokalität und auf reine Abwehrfunktion beschränkt und besitzen keine übergreifende politische Infrastruktur.
Damit ist der Fortbestand der anti-fundamentalistischen Koalition der Führung einer Institution ausgeliefert, die selbst in sich fraktioniert und zersplittert ist und innerhalb derer einige Seilschaften auf eine Machtteilung mit den Islamisten hinarbeiten.

Offiziere als Warlords
Die Militärs sind zugleich dabei, sich von der herrschenden Kaste in einem militärisch-bürokratisch regierten Staatswesen ? dem FLN-«Sozialismus« der Jahrzehnte der Unabhängigkeit ? umzuwandeln in eine Klasse von Privatbesitzern. Während der Bürgerkrieg tobt, läuft diese »Transition« unter Aufsicht des IWF auf vollen Touren. Die Europäische Kommission hat soeben die Privatisierung der Sonatrach vorgeschlagen, des zehntgrößten Ölkonzerns der Erde. Und »die Deutschen studieren gerade einen riesigen Plan zur Modernisierung und Erneuerung der algerischen Industrie.« (L?Humanité vom 30./31.8.97) Dieser Transitionsprozeß geht hinter der Kulisse des inneren Krieges ungestört vonstatten. Entfernt ähnelt diese Situation übrigens derjenigen im ehemaligen Jugoslawien, das sich ebenfalls im Übergang zur Marktwirtschaft befindet.
Fest steht, daß die Gewalt der Islamisten ins politische Spiel mehr als nur einer Fraktion der Militärs paßt. Said Sa?di im Figaro-Interview: »Es sind die Islamisten, die töten, aber das Regime hat Interesse an dieser Situation. (...) Der islamistische Terrorismus wird als Repressionsinstrument gegenüber dem sozialen Protest und der demokratischen Opposition benutzt.« Erklärt dies das Stillhalten der Miliärs angesichts der Massaker an der Zivilbevölkerung? Es existieren allerding noch weitere Hypothesen. Said Sa?di (Interview in Humanité Dimanche vom 4.9.1997) und Hassan Zerouki glauben etwa, daß die Militärs nicht bereit seien, hohe Risiken auf sich zu nehmen, um Massaker der Fundamentalisten zu verhindern. Denn die Islamisten täuschten oftmals auch falsche Angriffe vor, um die Soldaten in eine Falle zu locken und zu massakrieren, oder verminten das Gelände.
Eine andere Erklärung versucht die französische katholische Tageszeitung La Croix (10.9.1997). Diese zitiert eine »sichere Quelle«, derzufolge der General Larami Anfang August einen Befehl erlassen habe, wonach die Armee nirgendwo mehr ohne seine Erlaubnis nächtlich ausrücke ? also bei Massakern nicht eingreifen dürfe. La Croix interpretiert dies als »machiavellische und blutige« Taktik des einen »Kompromiß« mit den Islamisten ablehnenden Armeeflügels, um bewußt die Situation sich verschlimmern zu lassen. Mit dieser Strategie soll Präsident Zeroual unter Druck gesetzt werden, den »Dialog« mit dem FIS abzubrechen. (Die Interpretation kann freilich hinterfragt werden: Eine objektive Verschärfung der Gewaltsituation kann ebenso vom »dialogbereiten« Flügel der Militärs zum Anlaß genommen werden, um einen »Kompromiß« mit den Islamisten als letzten Ausweg aus dem Blutbad zu rechtfertigen.)
Man wird wohl in vielerlei Hinsicht vorerst auf Spekulationen angewisen bleiben, da man der Desinformation und Manipulation von vielerlei Seite ausgesetzt ist. Eines scheint indes festzustehen: In jedem Fall liefert die fundamentalistische Gewalt die Rechtfertigung für eine extreme Militarisierung der Gesellschaft. Der französiche Forscher Luis Martinez erklärt in Le Monde (26./27. Januar 1997): »Die Anwesenheit von Milizen, paramilitärischen Gruppen... verhindert jede Äußerung sozialer und politischer Unzufriedenheit. Nach fünf Jahren Krieg denkt in Algerien jeder nur noch an sein individuelles Überleben.«


Anmerkungen:

1 GIA: Groupes Islamiques Armés / Bewaffnete Islamische Gruppen

2 FIS: Front Islamique du Salut / Islamische Errettungsfront



Bernhard Schmid ist freier Journalist und lebt in Paris. Im Februar 1998 erscheint von ihm ein Buch über die extreme Rechte Frankreichs im Elefantenpress-Verlag.