Volltext

(Artikel * 1997) Nowak, Iris
Arbeit Automation Armut Der Wandel der Arbeitsgesellschaft Der Wandel der Arbeitsgesellschaft
in Blätter des iz3w Nr. 223 * Seite 18 - 19
Themen: Arbeitsgesellschaft * Dok-Nr: 130901
Arbeit

Arbeit Automation Armut

Der Wandel der Arbeitsgesellschaft


von Iris Nowak


Der Arbeitsgesellschaft geht (angeblich) die Arbeit aus. Die Einführung von Mikroelektronik und Automation zerstört Arbeitsplätze. Aufgrund dieser Veränderungen kommen einige Theoretiker auf die Idee, Arbeit sei nicht mehr das identitätsstiftende Element unseres Lebens. Andere sprechen wegen der zentralen Stellung der neuen Kommunikationstechnologien von der Entstofflichung der Ökonomie. Beide Ansichten vergessen, daß die Art und Weise, wie lebensnotwendige materielle und kulturelle Güter produziert werden, elementare Grundlage für unsere Gestaltungsmöglichkeiten im alltäglichen Leben sind.

Ich möchte der Frage nachgehen, inwieweit die weltweite Ausbreitung der neuen Technologien unter neoliberalen Regulationsformen und ihre Auswirkungen auf die Arbeitsgesellschaft von uns in unserem Alltag widersprüchlich erfahren werden. Einerseits sorgt diese Kombination weltweit für krasse Massenarmut. Andererseits stecken in den aktuellen Entwicklungen aber auch für jene, die jung, stark, leistungs- und lernfähig sind, im Vergleich zu den vorangegangenen Verhältnissen neue individuelle Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Zustimmung zu neu strukturierten Ungerechtigkeiten und zum Reichtum des oberen Fünftel der Gesellschaft wird uns schmackhaft gemacht durch neue reale oder vorgetäuschte Freiheiten und Chancen, selbst dazu zu gehören. Die von mir aufgezeigte Zweiteilung der Gesellschaft findet sich vom Prinzip her in allen Ländern. In ihrer konkreten Auswirkung hinsichtlich Armut und Handlungsmöglichkeiten sind die Unterschiede zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern allerdings groß. Ich gehe im folgenden vor allem auf die Entwicklungen in Deutschland ein, da ich aufzeigen möchte, wie wir selbst die Veränderungen der weltweiten wirtschaftlichen Regulationsform in unserem Alltag erfahren.

Fordistische Massenproduktion
Um die Auswirkungen der Ausbreitung der Automation1 unter neoliberalen Bedingungen zu begreifen, muß man zunächst einen Blick auf die vorangegangenen Arbeits- und Lebensformen werfen: Bis zum Beginn der 70er Jahre war innerhalb der Industrieländer der Fordismus die vorherrschende Produktionsweise, die Anfang dieses Jahrhunderts als Massenproduktion einsetzte. Im Lohnarbeitsalltag entstanden extrem monotone Tätigkeiten, die bis ins letzte Detail von den Vorgesetzten geplant und kontrolliert wurden und im Extremfall auf eine einzige Handbewegung reduziert waren. Arbeitsvor- und nachbereitung dehnten sich ebenso wie jene Bereiche, die nur zur Kontrolle der Produzierenden existierten, stark aus. Die durchschnittliche Produktivität des einzelnen wurde dadurch enorm gesteigert. Die Arbeiter wiesen hierfür im Idealfall autoritäre Wertvorstellungen auf und waren stark sicherheitsmotiviert. Die Aufgaben erforderten schlicht Pflichtbewußtsein und Zuverlässigkeit und strenge Hierarchien. Zentral für das gute Arbeiten der männlichen Arbeiter trotz dieser extremen Fremdbestimmumg und Monotonie war die Existenz eines Großteils der Frauen als Nur-Hausfrauen, die auch für den emotionalen Ausgleich und die sozialen Kontakte in der Freizeit sorgten.
Diese Veränderung der Tätigkeiten ging einher mit einer fast kontinuierlichen Steigerung der Löhne. Schließlich konnten die Unternehmen mit dem Aufkommen der Massenproduktion erst dann ihre Gewinne steigern, wenn die produzierten Waren von den Arbeitern auch konsumiert wurden. Eng mit der fordistischen Produktionsweise verknüpft ist der keynesianische Wohlfahrtstaat zur Erhaltung der Arbeitskraft und der Motivation der Massen. Er beinhaltete kollektive Sozialversicherungen ebenso wie das Aushandeln von flächendeckenden Tarifverträgen durch Gewerkschaften und Arbeitnehmer.

Automation und Mikroelektronik
Mit der Ausbreitung von Automation und mikroelektronischen Kommunikationstechnologien in allen Lebensbereichen Anfang der 70er Jahre entstand ein neuer Zusammenhang zwischen dem Bedarf, den Unternehmen an lohnarbeitenden Menschen haben, den allgemeinen Lebensweisen und der Art und Weise, wie wirtschaftliche Gewinne erzielt werden. Während die alten arbeitsintensiven Produktionsweisen erhalten blieben und zunehmend in Billiglohnländer ausgelagert wurden, entstand gleichzeitig eine neue Form der Massenproduktion.
Die konkreten Anforderungen an die Arbeitenden innerhalb des automatisierten Produktionsprozesses veränderten sich grundlegend: Die menschlichen Tätigkeiten beschränken sich auf Störungsregulation, Verbesserung der Prozesse und Präzisierung und Planung der Ziele. Wissenschaft und industrielle Produktion werden zunehmend ineinander verzahnt. Ehemals sichere Arbeitsplätze von Facharbeitern und Angestellten verschwinden nahezu vollständig aus der Produktion. Die Arbeitenden müssen die Fähigkeiten haben, selbständig und schnell über den richtigen Eingriff in den Produktionsablauf zu entscheiden. Geschehen diese Eingriffe z.B. bei Störfällen nicht, weil auf eine Anweisung von oben gewartet wird oder weil die Arbeitenden inkompetent sind, wird eventuell die ganze Produktion zerstört. Dabei ist die Art der Störung, in die eingegriffen werden muß, nicht vorhersehbar und verändert sich dauernd. Eingriffe müssen kollektiv geschehen, weil ein breites Fachwissen erforderlich ist.
Auch im Sinne einer profitorientierten Produktion, in der die Arbeitenden nicht selbst über die Ziele der Produktion entscheiden sollen, muß daher das Wissensgefälle zwischen Vorgesetzten und Arbeitenden flacher werden und die Kooperationsfähigkeit der Arbeitenden steigen. Während die Fähigkeit und das Bedürfnis, Neues zu lernen, im Fordismus im krassen Widerspruch zu den monotonen Anforderungen des Arbeitsalltags standen, sind sie heute unerlässliche Grundlage für die meisten Tätigkeiten innerhalb der automatisierten Produktion. Solange die Arbeitenden mit den Unternehmenszielen übereinstimmen, haben sie bessere Möglichkeiten, ihre Persönlichkeiten zu entfalten. Lernfähigkeit, Kreativität, selbständiges Engagement und Kooperationsfähigkeit werden von Unternehmen gefördert und eingefordert. Für die Motivation der Arbeitenden muß erreicht werden, daß sie trotz dieser Fähigkeiten die Fremdbestimmung nicht erkennen oder akzeptieren.
Es ist wichtig, sich diese qualitativen Veränderungen innerhalb der Lohnarbeitsprozesse in der Produktion deutlich zu machen. Nur so wird deutlich, daß die Ausbeutung unter kapitalistischen Verhältnissen heute qualitativ anders funktioniert als vor 30 Jahren: Im Fordismus sollten die Arbeitenden innerhalb der Lohn- und Hausarbeit möglichst keine eigenen Ziele benennen. Alle emotionalen und sozialen Bedürfnisse, die über die extrem einseitige Belastung innerhalb fordistischer Produktion hinausgingen, wurden in den Privatbereich verbannt. Ihre Befriedigung innerhalb der Lohnarbeitsstrukturen einzufordern, schien damals den gesamten Kapitalismus infragezustellen. Heute werden selbst unsere selbstgesteckten Ziele, die wir mit viel Engagement verfolgen, und unser Bedürfnis nach Selbstverwirklichung so beeinflußt oder sollen es zumindest, daß sie mit den Zielen der Unternehmen übereinstimmen. Zugleich verstärkt sich auch für die subjektive Lage der einzelnen der Druck im Konkurrenzkampf, da die Arbeitsplätze knapper und soziale, kollektive Sicherungen abgebaut werden. In diesen erbitterten Konkurrenzkampf bringen sich die Arbeitenden nicht mehr nur mit einem klar abgegrenzten Teil ihrer Fähigkeiten, dem in einer Ausbildung erworbenen Fachwissen, sondern mit allen Ebenen ihrer Persönlichkeit ein.

Drinnen und Draußen
Auch die makroökonomischen Zusammenhänge ändern sich: In automatisierten Prozessen wird sehr viel weniger menschliche Arbeitskraft für eine größere Produktion benötigt, und Arbeits- und Lohnverhältnisse werden »stark fragmentiert«. Die bislang als »Normalarbeitsverhältnis« bezeichnete lebenslange Vollzeittätigkeit verschwindet zunehmend. In Deutschland arbeiteten beispielsweise 1995 nur noch 17 % der erwerbstätigen Bevölkerung in solchen Jobs. Unter der herrschenden Politik spaltet sich die Gesellschaft in ein Drinnen und ein Draußen: Einige wenige arbeiten in relativ gut bezahlten und qualifizierten Jobs. Die überflüssigen Arbeitskräfte werden einerseits als Arbeitslose aus der Gesellschaft ausgegrenzt oder andererseits durch sogenannte »bad jobs« mit reduziertem Einkommensniveau und unter schlechten Bedingungen auf unterster Stufe in die Gesellschaft eingegliedert.
Für die Geschlechterverhältnisse bedeutet diese neue Spaltung der Gesellschaft, daß einige Frauen die Möglichkeit haben, Karriere zu machen, die ganz und gar herrschenden Normen entspricht. Dabei beruht die Befreiung dieser Frauen von den alten Weiblichkeitsbildern darauf, daß sie die Hausarbeit, wann immer sie wollen, in Form von bezahlten Dienstleistungen an andere delegieren können. Der komfortable Lebensstandard der wenigen gut Verdienenden wird erst dadurch ermöglicht, daß andere, meist Frauen, mit »bad-jobs« ihr Leben unter massiv einengenden ökonomischen Bedingungen leben müssen. Das Gros der Frauen dient weltweit auch innerhalb der Produktion immer noch als billige, gewerkschaftlich schlecht organisierte und daher ideale Arbeitskraft.
Wenn im Rahmen der aktuellen Veränderungen von einer globalen »Dienstleistungsgesellschaft« die Rede ist, so hat dies verschiedene Hintergründe: Wesentlicher Wettbewerbsfaktor innerhalb der Produktionsprozesse ist die permanente Verbesserung der Verfahrens- und Steuerungsprozesse sowohl in der Produktion selbst als auch in der Verwaltung. Ebenso wie diese Dienstleistungen werden auch Arbeitsergebnisse anderer Branchen durch die neuen Kommunikationstechnologien weltweit ohne große Kosten transportierbar: Beispielsweise Produkt- und Architekturdesign, Medienproduktion, Finanzdienstleistungen, aber auch Datenverarbeitung. Während es bei uns Nacht ist, können in Asien vor allem Frauen die Buchungen von Kreditkartenfirmen, Banken und Fluglinien eintippen und meist Männer in Brasilien in wissenschaftlichen Labors die neuen Modelltypen von VW, die wenige Stunden zuvor noch in Deutschland bearbeitet wurden, weiterentwickeln.
Unternehmenspolitische Grundlage für die Zweiteilung ist das Konzept der »lean-production«: Die Fabriken und Unternehmen werden reduziert auf sogenannte Kernbereiche, d.h. möglichst viele Unternehmens- bzw. Produktionsbereiche werden entweder in inländische Zulieferbetriebe oder ins Ausland verlagert. Dabei finden sich auch diese Kernfabriken zunehmend in sogenannten Entwicklungsländern.2 Die aus den »schlanken« Unternehmen ausgelagerten Arbeitsplätze sind extrem unsichere Arbeitsverhältnisse: Sie sind schlecht bezahlt, lediglich am wechselnden Bedarf der Unternehmen orientiert, weder arbeitsrechtlich noch sozial abgesichert. Meist reichen diese Jobs auch bei Vollzeit nicht aus, um den vollen Lebensunterhalt zu verdienen. Insbesondere Frauen mit Kindern sind trotzdem oft auf sie angewiesen.
Diese Auslagerung ist auch Grundlage für das neue Phänomen der massenhaften Selbständigkeit, die staatlich gefördert wird. Die Situation dieser neuen Selbständigen ist widersprüchlich: Meist sind sie abhängig von ihrem Kreditgeber. Sie müssen sich vollständig auf eigene Kosten kranken- und rentenversichern, haben im Krankheitsfall oder bei schlechter Auftragslage oder steigender Konkurrenz unplanbare Einkommensverluste. Trotz dieser Nachteile ist es verständlich, wenn viele Menschen in dieser Art der Lohnarbeit eine Chance zur Weiterentwicklung sehen: Oft können sie damit eine Tätigkeit ausüben und zumindest teilweise zum Verdienst ihres Lebensunterhalts nutzen, die ihnen Spaß bringt. Zudem sind sie frei von den Vorschriften von Vorgesetzten und anderen Arbeitsanweisungen und können sich ihre Tätigkeit wesentlich freier gestalten als jene, die in Betrieben arbeiten.
Neue reale Freiheiten, partielle Selbstverwirklichung und gutes Einkommen innerhalb der Lohnarbeit zu finden, gehen eine enge Verbindung ein mit der Ideologie, wir könnten doch alle, wenn wir nur richtig wollten, ganz oben sein. Armut wird infolgedessen meist als individuelles Versagen verarbeitet und auch bei anderen so betrachtet. Linke Theorie und Praxis muß aufzeigen, daß trotz größerer individueller Chancen einiger weniger die gesamte Struktur darauf angelegt ist, daß der Großteil der Menschen in Armut lebt. Für einen widerständigen Eingriff in die gesellschaftlichen Veränderungen bedarf es einer Solidarität zwischen allen Arbeitenden und Arbeitslosen.


Anmerkungen:

Ich bedanke mich bei Susanne Wiese und Kirsten Wendt für die Mitarbeit an diesem Artikel.

1 Unter Automation verstehe ich hier die möglichst weitgehende Ersetzung menschlicher geistiger Tätigkeiten durch Maschinen.

2 Ausschlaggebend für die Standortwahl auch dieser Kernfabriken sind solche Faktoren, die durch entsprechende Politik herstellbar sind: Wissenschaft und Forschung, materielle und immaterielle Infrastruktur, aber auch gute Netzwerke zwischen Industrie, Politik, Wissenschaft und anderen Institutionen. Ideale Standorte sind zwar immer noch vorrangig in den Industriestaaten zu finden, nehmen aber auch in sogenannten Entwicklungsländern zu.



Iris Nowak ist Diplom-Sozialwirtin und Studentin der Sozialökonomie. Ihr Themenschwerpunkt ist Neoliberalismus und seine Auswirkungen auf den Alltag, insbesondere auch auf lesbische Subkulturen.