Volltext

(Artikel * 1997) Schröder, Peter
"Wie gut daß ich endlich angehört werde" Die Wahrheitskommission als Instrument der Rehabilitation die Wahrheitskommission in Südafrika
in Blätter des iz3w Nr. 220 * Seite 25 - 25
Themen: Wahrheitskommission * Dok-Nr: 130870
F0lter

»Wie gut, daß ich endlich angehört werde«

Die Wahrheitskommission als Instrument der Rehabilitation

Ein Kommentar von Peter Schröder

» Die Wahrheits- und Versöhnungskommission ist
das wichtigste soziale Ereignis in Südafrika
seit den Wahlen 1994, sie gibt uns
nochmal mehr die Menschenwürde wieder.«
(Ein Zeuge vor der Kommission in Newcastle,
Sept. 1996)

Immer wenn öffentliche Anhörungen in einer der Provinzen stattfinden, ist ein großes Medieninteresse garantiert. Life-Übertragungen im Radio, ausführliche Berichte in jeder Zeitung und in den TV-Nachrichten und Sondersendungen fassen die wichtigsten Ergebnisse der Kommission zusammen. Damit ist fast garantiert, daß alle SüdafrikanerInnen über die Arbeit der Kommission informiert sind. Eine Schlagzeile der »Weekly Mail + Guardian« vom 6.2.1997 hieß: »Die Kommission schafft ein frisches Interesse an der Vergangenheit.« Das stimmt. Überraschend ist, wie oft diese Sendungen in der weißen Bevölkerung gesehen und gehört werden. Dem entgegen steht allerdings die Beobachtung, daß nur sehr wenige Weiße an den öffentlichen Verhandlungen teilnehmen. Dafür gibt es wohl verschiedene Gründe: Angst vor möglicher Gewalt; das Leugnen der Verbrechen der Vergangenheit; das Gefühl, diese Kommission gehe nur die damaligen (meist schwarzen) Opfer etwas an; oder auch Schuldgefühle.
»Endlich wird mir mal zugehört«, sagte ein Zeuge vor der Kommission im August 1996 in Durban. Die Opfer und überlebenden Zeugen der früheren staatlichen Gewalt sind bisher nie angehört worden. In zahllosen Mord- und Massakerfällen wurde nicht einmal ein Verfahren eröffnet.
Erschütternd bleibt die häufige Aussage von ZeugInnen vor der Kommission: »Wir haben diesen Mord/dieses Massaker nicht der Polizei gemeldet, weil wir wußten, daß dann nichts geschehen würde.« Die Wahrheitskommission bietet Zehntausenden von SüdafrikanerInnen die Chance, ihre Geschichte zu erzählen. Zum ersten Mal im Leben der Betroffenen werden diese Erlebnisse ernstgenommen und dokumentiert. Viele der ZeugInnen sind nach der Aussage traurig und bedrückt, weil sie sich an Verluste erinnern mußten und weil sie danach natürlich wieder in die Verhältnisse der Armut und der Entbehrungen zurückkehren, die der alte Staat ihnen aufgezwungen hatte. Es ist jedoch immer möglich, diesen wichtigen Zeitzeugen auch ein Gefühl von Stolz mit auf den Heimweg zu geben. So garantierte Richard Lyster, Kommisionsvorsitzender in Durban: »Sie haben mit ihrer Aussage ihren ermordeten Sohn (oder Tochter/Vater/Mutter/Onkel) wieder zum Leben erweckt. Sein Tod war nicht ganz umsonst. Die Öffentlichkeit hat jetzt davon erfahren, auch der Präsident persönlich wird diese Berichte lesen. Sie haben dazu beigetragen, die Wahrheit genauer beschreiben zu können. Und sie haben Mut gehabt, indem sie diese traurige Geschichte und ihr Leid erzählen konnten und mit uns und der Nation geteilt haben.«
Zum ersten Mal wird öffentlich anerkannt und vor laufenden Kameras ausgesprochen, was Alltag für Millionen von Menschen im Land war: täglicher Terror durch die Sicherheitskräfte und deren Kollaborateure, unendliches Leiden, tägliche Angst und schwer vorstellbare Verluste, an Angehörigen, an Freiheit, an Selbstbestimmung. Viele Zeugen erleben es als sehr befreiend, aus dem Munde der Kommissionsmitglieder die Wahrheit über die damaligen und heutigen Verhältnisse im Land zu hören.
Ein wichtiges Anliegen der Überlebenden ist es, die Täter zu identifizieren. »Wenn ich nur wüßte, wer meine Tante so brutal ermordet hat, dann könnte ich ihm vielleicht verzeihen. Dem Regime, das dahinter steckte, kann ich nicht verzeihen, vielleicht aber einem Menschen.« So ein Zeuge in Port Shepstone. Er würde daduch seinen Seelenfrieden wiederfinden können, glaube ich.

Viele Täter kommen freiwillig vor die Kommission und verbinden ihre Aussage mit einem Amnestieantrag. Viele werden gegen ihren Willen vorgeladen, manche kommen auch, um ihr Gewissen durch ein Schuld- und Reuebekenntnis zu erleichtern. Bemerkenswert ist, wie ernst alle diese Aussagen genommen werden und die Würde auch der Täter bewahrt werden kann. Den Mördern eine faire Anhörung zu gewährleisten, ist eine Stärke des neuen Staates.
Die meisten Amnestieanträge sind bisher abgelehnt worden, weil keine Reue sichtbar wurde oder die Schuld zu groß war.1 Tausende von Täternamen sind bereits der Justiz mitgeteilt worden. Und laufend werden neue Namen, auch aus höchsten Rängen, genannt. Alle diese Täter schlafen zur Zeit ziemlich schlecht. Auch wenn sie später einmal begnadigt werden, hat der neue Staat doch im allgemeinen Bewußtsein verankert, daß Verbrechen nicht unbemerkt verjähren. Und für die »Kultur der Gewaltfreiheit«, einem der Hauptziele der Kommission, wäre das ein wichtiger Schritt.
Durch die so öffentlich gemachte, geschichtliche Wahrheit wird m.E. Versöhnung erst möglich. »Truth, Road to Reconciliation« heißt einer der Wahlsprüche der Kommission. In dieser Reihenfolge arbeitet sie auch. Nachdem neun Monate lang überwiegend die Überlebenden gehört wurden, kommen jetzt verstärkt die Täter an die Reihe. »Viele Opfer wollen die Maximalstrafe für die Täter, der Staat muß durch die Kommission diesen verständlichen Wunsch auf ein Maß abmildern, das dem Klima der Versöhnung entgegenkommt und ein Zusammenleben erleichtert«, sagte Justizminister Abdul Omar 1995 in Cape Town. Auch mir scheint es jetzt nach vielem Nachdenken wichtiger, den Versöhnungsaspekt zu betonen, als harte Strafen für die Täter zu verhängen. Immerhin werden die Täter öffentlich gemacht, ein Teil ihrer Pensionen wird gestrichen, sie können nicht mehr ganz so unauffällig weiterleben wie bisher. Mit der Amnestie ist eben verbunden, eine ungeheure Schuld eingestanden zu haben. Und die, die das nicht tun, kann man immer noch ein Leben lang einsperren.
Ich war mehr als beeindruckt von der Arbeit der Kommission. Bei aller Detailkritik handelt es sich um einen weltweit einmaligen Ansatz, die Verbrechen aufzuarbeiten, die der Staat durch viele seiner Agenten begangen hat. Mir scheint auch, daß die von Präsident Mandela persönlich bestimmten Kommissionsmitglieder allesamt höchst integre Menschen sind. Sie sind imstande, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Wohlgemerkt, es geht nicht um allgemeines Verzeihen und Vergeben, sondern um Aussöhnung der Überlebenden mit den damaligen Tätern. Und damit um eine friedlichere Gesellschaft, die dieses von Gewalt zerrissene Land so dringend braucht.

Anmerkung:

1 Das scheint sich jetzt wieder zu ändern. In KwaZulu/Natal ist beispielsweise von einer Generalamnestie die Rede, weil es fast unmöglich erscheint, die Massen von Tätern, meist der Polizei, der Armee oder der Inkatha-Partei, alle vorzuladen. Der örtliche ANC als Vertretung der meisten Opfer wird dem wohl zustimmen.

Peter Schröder ist Arzt und Psychotherapeut in Freiburg. Er hat von Juli 1996 bis Januar 1997 bei der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Durban, Südafrika gearbeitet.