Globalisierung
Blühende Dreiecke
Subregionale wirtschaftliche Vernetzung
in Südostasien
von Jörn Dosch
In den internationalen (Wirtschafts-) Beziehungen ist ein neuer Akteur aufgetaucht: der »region state«. In Südostasien nimmt er vor allem Gestalt in Wachstumsdreiecken an. »Region state« bedeutet aber nicht das Ende des Nationalstaates. Im Gegenteil: Staatliche Interessen und subregionale Wirtschaftskooperation gehen Hand in Hand.
Seit dem Zusammenbruch des Sowjetblocks und dem Ende der Ost-West-Polarität sind unzählige Einschätzungen zur künftigen Gestaltung internationaler Beziehungen publiziert worden. Eine der Hauptdiskussionen um Strukturen und Formen einer neuen Weltordnung rankt sich dabei um die These vom Ende des Nationalstaates. Zumindest in ökonomischer Hinsicht, so die Überzeugung des Japaners Kenichi Ohmae1, beginne sich der Kitt, der die Nationalstaaten in ihrer traditionellen Form zusammenhalte, aufzulösen.
In einer durch Tendenzen der Globalisierung einerseits und der Regionalisierung andererseits geprägten Weltwirtschaft sieht Ohmae einen Akteurtypus im Handlungs- und Entscheidungszentrum, den er mit »region state« benennt. Dabei handelt es sich um geographische Einheiten, die sich als »natürliche ökonomische Zonen« darstellen, entweder innerhalb nationaler Grenzen liegen oder sich aus einzelnen Territorien benachbarter Staaten zusammensetzen, und deren Wirtschaft auf globale Märkte ausgerichtet ist. »Region states« haben in etwa zwischen fünf und 20 Millionen EinwohnerInnen. Sie sind damit klein genug, um gemeinsame Konsuminteressen der Bevölkerung zu gewährleisten, verfügen aber gleichzeitig über die notwendige Größe, um eine gute Infrastruktur und einen effizienten Dienstleistungssektor als Voraussetzung für die Partizipation am globalen Wirtschaftsgeschehen zu entwickeln. Als Beispiele für »region states« nennt Ohmae u.a. Norditalien, Baden-Württemberg, Hongkong/Südchina, San Diego/ Tijuana, Silicon Valley/Bay Area in Kalifornien, die französische Region Rhône-Alpes um Lyon mit ihren Verbindungen nach Italien, Osaka/Kobe/ Kyoto in Japan sowie die beiden sogenannten ASEAN2-Wachstumsdreiecke Singapur/ Johor/Riau (Sijori) und Penang/Medan/Phuket (Northern Growth Triangle).
Die beiden letztgenannten Wirtschaftszonen fallen jedoch insofern aus dem Rahmen, als staatliche Interessen eine bedeutende Rolle spielen und der Nationalstaat als Akteur entgegen der Annahme Ohmaes damit nur bedingt transzendiert wird. Die südostasiatischen Regierungen betreiben das Konzept subregionaler Wirtschaftkooperation gezielt als Parallelstrategie zu einem Ausbau der ökonomischen Beziehungen in der Gesamt-ASEAN einerseits und der wirtschaftlichen Globalisierung andererseits. In einem Abkommen der ASEAN-Mitgliedsstaaten von 1992 wird die Formierung solcher »subregional arrangements« ausdrücklich als Maßnahme ökonomischer Vergemeinschaftung genannt.
Trotz gelegentlich artikulierter Bedenken wird die Etablierung von subregionalen Wachstumszonen heute weitgehend als sinnvolle Strategie zur Förderung ökonomischer Wohlfahrtssteigerung im allgemeinen und volkswirtschaftlicher Vernetzung im besonderen angesehen. Das Sijori-Dreieck3 gilt vielen BeobachterInnen in Südostasien eher als kompatibles denn als konkurrierendes Konzept zu intraregionalen Großprojekten wie der Schaffung einer ASEAN-Freihandelszone (ASEAN Free Trade Area/AFTA), die bis zum Jahr 2003 realisiert werden soll. Die häufig gepriesene Modellfunktion ist jedoch nur bedingt gegeben, da sich eine vergleichbare Konstellation von Faktoren in anderen Subregionen Südostasiens nicht ohne weiteres finden läßt. Das Gebiet Singapur-Riau-Johor zeichnet sich durch eine Tradition geschichtlich weit zurückreichender intensiver Handelsbeziehungen, eine gemeinsame Sprache (Malaysisch, das auch offizielle Staatssprache in Singapur ist, und Indonesisch stehen lediglich in einem Dialektverhältnis zueinander) sowie geographische Nähe und eine prinzipielle wirtschaftliche Komplementarität der beteiligten Einheiten aus. Es ist daher fraglich, ob sich andere sogenannte »Wachstumsregionen«, denen es an einem solchen Set begünstigender Voraussetzungen mangelt, mit einer vergleichbaren Dynamik entwickeln werden, zumal dort gleichzeitig ein weit geringeres Investitionsinteresse vorhanden ist. So scheint dann auch im Falle des »Nord-« und des »Ostdreiecks«, die nachfolgend dargestellt werden sollen, zunächst die Schaffung verbindender Basisstrukturen gegenüber der Errichtung großer Industrieparks und ähnlicher Maßnahmen Priorität zu genießen.
Das Norddreieck
Auf der Grundlage indonesisch-malaysisch-thailändischer Ministergespräche zwischen April und Juli 1993 entstand das Konzept des »Norddreiecks«, das die Insel Penang (Malaysia), Südthailand mit dem Schwerpunkt Phuket sowie Nordsumatra um dessen Zentrum Medan (Indonesien) zu einer Wachstumszone zusammenzufügen versucht. Insgesamt handelt es sich um ein Gebiet von 230.042 Quadratkilometern mit 25,7 Millionen EinwohnerInnen und einem kombinierten Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 12,9 Mrd. US$ (1988). Die Subregion ist damit geographisch erheblich heterogener, bevölkerungsreicher und wirtschaftlich mit weitem Abstand weniger bedeutend als das Singapur-Riau-Johor-Dreieck (zum Vergleich: 114.110 Quadratkilometer, knapp 8 Mio. EinwohnerInnen, BIP 1988: 39,7 Mrd. US$). Es mangelt dem »Norddreieck« außerdem an einer gemeinsamen Sprache. Jedoch lassen sich historisch intensive (Handels-)Kontakte nachweisen. In wirtschaftspolitischer Hinsicht geht es der Regierung in Bangkok darum, durch eine engere Verbindung zum wirtschaftlich prosperierenden Nordmalaysia einen Beitrag zur Entwicklung des demgegenüber erheblich rückständigen thailändischen Südens zu leisten. Malaysia hofft hingegen auf den Ausbau Penangs zu einem regionalen oder gar globalen Industriezentrum. Indonesien schließlich versucht generell, die geostrategisch ohnehin schon günstige Position Medans weiter zu verbessern. Dem Projekt liegen aber nicht nur ökonomische Überlegungen zugrunde, es verfolgt auch (oder in einer ersten Phase vielleicht sogar vornehmlich) das politische Ziel, die aufgrund ethnischer und religiöser Differenzen problematischen Beziehungen zwischen Nordmalaysia und Südthailand nachhaltig zu verbessern.
Mit Blick auf bisherige privatwirtschaftliche Vernetzungserfolge im »Norddreieck« liegen zwischenzeitlich etwa 40 Joint-Venture-Abkommen zwischen malaysischen Firmen auf der einen sowie Unternehmen in Indonesien und Thailand auf der anderen Seite mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von acht Mrd. Ringgit (ca. 4,6 Mrd. DM) vor. Geplante Projekte beinhalten u.a. in Nordsumatra/Aceh die Montage von Motorrädern, den Bau von Hotels, den Ausbau des Telekommunikationssektors, die Anlage eines Fischereihafens sowie in Südthailand/ Nordmalaysia die Etablierung und Betreibung eines Seetransportsystems zwischen Lokseumawe, Langkawi und Satung, den Bau eines Energiekraftwerks und die Errichtung einer für die spezielle Versorgung des »Norddreiecks« konzipierten Fernsehstation auf Langkawi. In Erwägung gezogen wird außerdem der schätzungsweise zwei Mrd. US$ teure Bau einer Landverbindung zwischen den Häfen Penang und Songhkla. Auch dem »Norddreieck« fehlt die trilaterale Beziehungskomponente. Kooperation findet zwischen Malaysia und Thailand sowie Malaysia und Indonesien, in kaum nennenswertem Umfang aber zwischen Indonesien und Thailand statt.
Das Ostdreieck
Tatsächlich multilateral gestaltet sich demgegenüber die Zusammenarbeit in der East ASEAN Growth Area (EAGA), wenngleich es sich um den bislang am wenigsten fortgeschrittenen subregionalen Integrationsversuch handelt. Die EAGA wurde im März 1994 offiziell auf Vorschlag des philippinischen Präsidenten Fidel Ramos ins Leben gerufen, doch ging die Initiative nicht in erster Linie von der Regierungsseite, sondern vom Privatsektor, besonders der Philippine Exporters Federation, aus. EAGA umfaßt das Sultanat Brunei, die indonesischen Provinzen Ost- und West-Kalimantan, Nord-Sulawesi, Sabah, Sarawak und Labuan in Malaysia sowie die südlichen Philippinen. Erst im Zuge von EAGA wurden z.B. reguläre Direkt-Flugverbindungen zwischen den benachbarten Inseln Mindanao (Philippinen), Sulawesi (Indonesien) und Borneo/Kalimantan (Malaysia/ Indonesien) eingeführt und die Telekommunikations-Infrastruktur verbessert. Zu den wichtigsten derzeitigen Projekten zählen neben einem Ausbau der Flugverbindungen (unter der Federführung Bruneis) die Verbesserung des Seeverkehrs (koordiniert von Indonesien), die Intensivierung der Kooperation in der Fischerei (geleitet von den Philippinen) und die Förderung des Tourismus (primär betreut von Malaysia). Die Asian Development Bank legte eine Studie zu Maßnahmen einer weiteren Entwicklung des »Ostdreiecks« vor. Als prioritär werden darin u.a. eine Erweiterung des Straßennetzes, insbesondere des Pan-Borneo Highway, sowie die Modernisierung und der Ausbau der Flug- bzw. Seehäfen in Sulut (Brunei), Kota Kinabalu (Malaysia) und Puerto Princesa (Philippinen) genannt. Besonders profitierte bislang die philippinische »Ananas-Insel« Mindanao von EAGA. Mußte beispielsweise noch bis vor kurzem Asphalt zur Reparatur des maroden Straßensystems der Insel in Manila gekauft werden, so wird dieser jetzt zu einem 40 Prozent niedrigeren Preis aus dem indonesischen Nord-Sulawesi geliefert.
Auch im Falle des »Ostdreiecks« scheinen neben privatwirtschaftlichen Überlegungen ebenso außenpolitische Motive eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen; zumindest handelt es sich um einen Ansatz, der zu einer Verbesserung der malaysisch-philippinischen Beziehungen führen könnte. In den vergangenen Jahrzehnten resultierte der sporadisch propagierte Anspruch Manilas auf die malaysische Region Sabah, der historisch begründet wird, immer wieder zu Verstimmungen im gegenseitigen Verhältnis, zeitweise sogar zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen.4
Das Konzept der subregionalen Wachstumszonen wird in Asien, wie im übrigen auch in anderen Kontinenten, weiter an Popularität gewinnen. Die Idee liegt im Trend der gegenwärtig zu beobachtenden Tendenzen der Herausbildung einer neuen Welt(wirtschafts)ordnung: Sie ist einerseits Ausdruck einer zunehmenden Globalisierung und Vernetzung wirtschaftlichen Handelns, andererseits wird sie einem allgemeinen Bedürfnis nach Identifizierung mit dem eigenen geographischen Umfeld gerecht. In diesem Licht gesehen, handelt es sich gewissermaßen um eine asiatische Variante der Regionenförderung, die neben der wirtschaftlichen Komponente auch eine nicht zu unterschätzende außenpolitische Funktion besitzt.
Anmerkungen:
1 Kenichi Ohmae: The End of the Nation State ? The Rise of Regional Economies, London 1995
2 Die ASEAN (Association of South East Asian Nations) wurde 1967 gegründet und gilt heute als der erfolgreichste regionale Staatenverbund außerhalb der Europäischen Union. Mitglieder sind derzeit Brunei, Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam.
3 Das Singapur, den malaysischen Bundesstaat Johur und einige Inseln im indonesischen Riau-Archipel umfassende Sijori-Dreieck wurde in iz3w 219 (S.17f) vorgestellt.
4 Es existieren darüber hinaus noch andere subregionale Kooperationsprojekte (oder zumindest Versuche), an denen einzelne ASEAN-Staaten beteiligt sind. Hier ist vor allem das »Goldene Viereck« oder Mekong-Projekt zu nennen, das Chiang Mai in Nordthailand, Jinghong in der chinesischen Provinz Yunnan, die Städte Tachileik und Kengtung in Ost-Myanmar und die laotischen Städte Luang Namhta und Huey Sai miteinander verbinden soll.
Jörn Dosch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Johannes Gutenberg Universität Mainz, Institut für Politikwissenschaft, Bereich Politische Auslandsstudien und Entwicklungspolitik. |