Schaf im Wolfspelz
von Felix Kurz
Längst grassiert das Spezialistentum auch in der Linken. Dass der Philosoph Georg Lukács Totalität als entscheidende Kategorie des Materialismus bestimmte, ist lange her. Mit der postmodernen Absage an »große Erzählungen« und der Hinwendung zu »Mikro-Politiken« wurde dem Verzicht auf die Kritik des Ganzen die höhere Weihe philosophischer Reflexion verliehen. »Empire« von Negri und Hardt bedient sich allerlei postmoderner Theoriebrocken und ist doch gleichzeitig einer der wenigen Versuche, auf?s Ganze zu gehen und die Weltgesellschaft auf den Begriff zu bringen. Damit stößt es auf ein Bedürfnis: ein Bestseller in den USA, wird es bereits vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung auch hierzulande als das Buch zur Zeit gehandelt. Der Philosoph Slavoj Zizek feiert es gar als »Kommunistisches Manifest für unsere Zeit.«
Ein etwas voluminöses Manifest allerdings: Auf knapp 500 Seiten wird der Übergang vom Imperialismus zum Empire skizziert, der als Eintritt in die globale Postmoderne verstanden wird. Zweifelsohne gelingt dabei mancher Volltreffer: der postkolonialen Theorie etwa wird auf wenigen Seiten attestiert, eine vergangene Epoche zu »dekonstruieren« und die Realität des globalen Kapitalverhältnisses, kulturelle Hybridisierung, als Programm für Subversion fehlzuinterpretieren. Über weite Strecken jedoch liest sich »Empire« wie ein Reader?s Digest kritischer Gesellschaftsanalysen der letzten Jahrzehnte: demnach wurde die fordistische Großfabrik zerlegt und im globalen Raum verstreut; der Kolonialrassismus ist dem flexiblen Management kultureller Differenzen gewichen; nationale Wirtschaftsräume und ihre kolonialen Satelliten sind im totalen Weltmarkt aufgehoben, die Linie zwischen Zentrum und Peripherie mithin verwischt und der Nationalstaat geschwächt; der imperialistische Krieg wurde von der humanitären Intervention abgelöst, wobei gerade hier die Unterscheidung zwischen Legitimationsideologie und Wirklichkeit auffällig wenig reflektiert wird.
Allerdings liegen die Schwächen von »Empire« vielmehr dort, wo es Neuland betritt. Der Begriff, der dem Buch den Namen gab, soll die politische Verfasstheit des schrankenlosen Weltmarkts bezeichnen. Das römische Imperium und die amerikanische Verfassung stehen Pate für eine politische Form, die durch Einschluss funktioniert und schließlich kein Außen mehr kennt. Entgegen dem linken Anti-Amerikanismus wird der Imperialismus als vornehmlich europäische Angelegenheit begriffen, die auf der historischen Linie von der absolutistischen zur nationalstaatlichen Souveränität liegt. Mit der ist es nun, in der »Postmoderne«, vorbei: ein Netzwerk der Herrschaft legt sich über den Globus. Das jüngste Imperium kommt ohne ein Rom aus.
Souveränität jenseits des Staats?
Bei der Skizze der veränderten weltweiten Machtverhältnisse treffen Negri/Hardt mitunter ins Schwarze, etwa wenn sie die Nichtregierungsorganisationen als Vorposten des Empire zeichnen. Doch wie steht es mit ihrer These, Souveränität habe sich vom Nationalstaat gelöst? An der Spitze der globalen Herrschaftspyramide, die Negri und Hardt entwerfen, residiert dann doch Amerika, das aber, wie die Autoren versichern, vorzugsweise unter dem Dach der UNO gemeinsam mit anderen agiere. Gerade die Ereignisse seit dem 11. September aber zeigen etwas ganz anderes an. Die USA verfolgen einen strikten Unilateralismus, die UNO ist abgemeldet und selbst die NATO ächzt unter ihren inneren Reibereien. Mehr noch: Es sind die Europäer, die jene Züge an den Tag legen, die Negri/ Hardt einem von innerimperialistischen Rangeleien gereinigten Empire unter US-amerikanischer Dominanz zuschreiben.
Gegen Amerika profiliert sich Europa als unparteiische Kraft des kulturellen Dialogs und des sozial-ökologischen Menschheitsinteresses: Amerika schickt die Bomber los, Deutschland arrangiert das Palaver der Warlords. Dieses Verhältnis ist nicht nur eines der Arbeitsteilung, sondern auch der Konkurrenz. Zwar steht die schiere militärische Übermacht Amerikas einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen diesen imperialen Blöcken bis auf weiteres entgegen; von einer Verlagerung der Souveränität auf transnationale Netzwerke kann allerdings keine Rede sein.
Der strategische Sinn des Konzepts des Empire erschließt sich in der zweiten Hälfte des Buches, die von den Gefilden der Weltordnung ins Reich der Produktion wechselt. Dem italienischen Operaismus, zu dessen wichtigsten Aktivisten und Theoretikern Negri in den 60er und 70er Jahren zählte (was ihm Knast, Exil und bis vor kurzem abermals Knast einbrachte), bleibt »Empire« mit dem Primat der Kämpfe verpflichtet: Wie der Widerstand der Sklaven den Übergang zum freien Arbeitsmarkt erzwang, so stürzten Fabrikkämpfe die fordistische Gestalt des Kapitals in die Krise, zwangen die Befreiungsbewegungen im Süden den Imperialismus zum Rückzug und unterminierte massenhafte Migration die Homogenität der Nation. Das Empire entpuppt sich als eine Station auf dem Weg der Befreiung des weltweiten Proletariats, das neuerdings »Multitude« heißt und vorwiegend »immaterielle«, ja »affektive« Arbeit leistet. Beiwerk ist die Auseinandersetzung mit den regressiven Tendenzen der Weltgesellschaft, die in der unverdrossenen Aufstiegsgeschichte gen Kommunismus stören.
Das eigentliche Problem von »Empire« liegt darin, wie Kommunismus mittlerweile ausbuchstabiert wird. Das Verdienst des Operaismus ist es, die traditionsmarxistische Apologie der Fabrik als Brückenkopf sozialistischer Rationalität inmitten der Anarchie des Marktes attackiert und den »Kampf gegen die Arbeit« propagiert zu haben. Bei Negri und Hardt verkehrt sich beides ins Gegenteil. Die gewachsene Bedeutung der Kommunikation in allen Bereichen der Produktion wird apologetisch als selbstbestimmte Kooperation der Multitude vorgestellt, die auf rätselhafte Weise im Jenseits des Kapitals munter vor sich hin produziert.
Multitude statt Kommunismus
Dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit stellenweise durchlöchert ist, wird nicht nur zum Ende des Lohnregimes verabsolutiert, sondern als Befreiung gefeiert: Bio-Politik nennen Negri/Hardt das in fragwürdiger Anlehnung an Michel Foucault, der den Begriff allerdings kritisch als Bezeichnung der modernen, im Namen des Lebens auftretenden Macht gemeint hatte.1 Viel zu eindimensional nämlich hätten Marx und die kritische Theorie den Prozess der reellen Subsumtion gedacht, in dem das Kapital mehr und mehr den Arbeitsprozess und schließlich die ganze Gesellschaft durchdringt. Negri/ Hardt drehen den Spieß einfach um und machen daraus eine Eroberung der Produktion des gesamten Lebens durch die Multitude. Die vakante Stelle der Kritik der politischen Ökonomie nimmt nun eine Ontologie der Produktion ein: Leben, Wunsch, Liebe und Arbeit fließen in einem lebensphilosophischen Brei des Herzens zusammen, in dem das Kapital nicht vorkommt. Dieses nämlich wird folgerichtig als »Parasit« denunziert, der ? und spätestens hier ist der Verweis auf strukturellen Antisemitismus mehr als ein Ritual ? die Lebenskräfte seines Wirts aussauge.
Dass in diesem Manichäismus die seitenlangen Ausführungen in »Empire« über die »Kontrollgesellschaft« (Gilles Deleuze) vergessen sind, in der »Macht« diffus werde und in die Individuen einwandere, ist nur eine der vielen Ungereimtheiten des Buches. Verblüffend ist auch, wie Negri/Hardt nach allem widersinnigen Gerede vom Fehlen jeglicher Vermittlung zwischen Empire und Multitude schließlich Existenzgeld und ein universales Bürgerschaftsrecht fordern. Wurde eben noch das Empire als äußerliche Käseglocke über der eigentlich die Weltgesellschaft konstituierenden Multitude gezeichnet, so ist diese nun auf niemand anderen als den Staat verwiesen, der Geld und Rechte gewähren soll. Beides wird konformistisch als Anerkennung der wirklichen Wirklichkeit eingeklagt, die bloß verhüllt wird: weil die kommunikativ-kooperative Vernetzung der Multitude jegliches Wertmaß außer Kurs gesetzt habe ? als hätte sich der Wert der Ware Arbeitskraft jemals an deren Leistung bemessen ? steht jedem Produzenten ein garantiertes Einkommen zu; weil überall Migranten arbeiten, muss universale Bürgerschaft her. Das Bekenntnis zum republikanischen Prinzip, das Arbeit und Bürgerschaft verknüpft, erweist die kommunistische Rhetorik als bloßen Zierat.
Rüstzeug für Staatsfetischismus?
Als »Empire« zwischen Golf- und Kosovokrieg verfasst wurde, war die Antiglobalisierungsbewegung noch nicht in Sicht, die mittlerweile als konkrete Gestalt des vagen Begriffs der Multitude diskutiert wird. Vieles in »Empire« liest sich als hellsichtige Vorab-Kritik des ideologischen Sortiments der Gipfelstürmer: Negri/Hardt wenden sich gegen Nostalgie für den nationalen Sozialstaat und nationale Befreiungsbewegungen, Anti-Amerikanismus und die regressive Sehnsucht nach dem authentischen Lokalen, das es ohnehin nicht mehr gibt. Gegen alles Rückwärtsgewandte wird die Globalisierung als »von unten« vorangetriebene Entwicklung skizziert, hinter die es kein Zurück ins Nationale gibt.
Wahrscheinlich ist es die Hoffnung, »Empire« könnte damit den radikaleren Elementen in der Bewegung das nötige theoretische Rüstzeug mit auf den Weg geben, die viele Linke in Verzückung setzt ? die monatliche Subtropen-Beilage der Wochenzeitung Jungle World etwa, die seit bald einem Jahr faktisch als PR-Büro für »Empire« agiert. Die von Negri/Hardt noch konstatierte Unverbundenheit der jüngeren sozialen Kämpfe ? Peking 1989, Los Angeles 1992, Frankreich 1995 ? scheint mit der Bewegung gegen die Globalisierung aufgehoben. Doch das Unverbundene findet sich vornehmlich in reformistischen Forderungen an den Staat zusammen ? und gerade hier ermöglicht »Empire« keine Kritik der Bewegung, sondern unterfüttert die so kreuzbraven wie naiven Forderungen mit reaktionärem Produktivismus. Das Eintrittsbillett in die Bewegungspolitik war noch immer der Verzicht auf Kritik, um den kleinsten gemeinsamen Nenner nicht zu gefährden. Dass in den Subtropen die radikale Linke mittlerweile zum Mitmachen bei den Staatsfetischisten von Attac aufgefordert wird, passt ins Bild.
Anmerkung:
1 Vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1977. Zur materialistischen Kritik von Foucaults Machtbegriff vgl. Stefan Breuer, Aspekte totaler Vergesellschaftung, Freiburg 1985, S. 300-307, und Manfred Dahlmann, »Das Rätsel der Macht«, in: Ders. u.a. (Hg.), Kritik der Politik, Freiburg 2000, S. 83-108.
Felix Kurz lebt in Freiburg. |