Ethnologie
»Alkohol löste ihre Zungen«
Sinti und Roma protestieren gegen ihre Erforschung
Seit ihren Anfängen zählt die Ethnologie die Sinti und Roma zu ihren Forschungsobjekten. Als »Rasse« konstruiert wurden sie über Jahrhunderte diskriminiert und waren im Nationalsozialismus Opfer dessen Vernichtungspolitik. Heute wehren sich Sinti und Roma gegen die moderne »Zigeunerforschung«, deren Rassismus im kulturalistischen Gewand daher kommt.
von Ulrike Huber
Für die Sinti und Roma in Europa hatte das Erforscht-Werden durch AnthropologInnen, EthnologInnen, KriminologInnen und SoziologInnen in den meisten Fällen negative Folgen. Denn in den meisten Fällen produzierten oder verfestigten die »Forschungsergebnisse« lediglich Klischees über Sinti und Roma. Die erste umfassende ethnographische Arbeit über »Zigeuner« in Deutschland veröffentliche Heinrich M. Grellmann bereits 1787. Diese war zwar durchaus vom Gedankengut der Toleranz geprägt, kolportierte aber dennoch Vorurteile, so beispielsweise die angebliche Abstammung der »ZigeunerInnen« von der untersten Kaste der indischen Bevölkerung, die fürderhin als Begründung für ihr unterdrücktes Dasein in Europa herangezogen wurde.
In den folgenden beiden Jahrhunderten verschrieb sich die Forschung über Roma und Sinti zunehmend dem völkischen Denken. Am Beispiel des Ethnologen Martin Block (1891 ? 1972) lässt sich besonders deutlich zeigen, dass dies nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt war.1 Die Zweifelhaftigkeit von Blocks Forschungstätigkeit lässt sich schon an seinen Methoden zur Beschaffung von Informationen ablesen: Er gab sich als »vom Heeresdienst entlaufener deutscher Zigeuner« aus oder schlich sich als Gast bei Roma und Sinti ein, denn: »Alkohol und Geld lösten ihre Zungen«. Von 1938 an war Block beim Oberkommando der Wehrmacht tätig, unter anderem 1942 und 1943 in Rumänien. Es ist davon auszugehen, dass er von der Vernichtungspolitik gegenüber Juden und Roma wusste, wenn nicht gar selber daran beteiligt war. Dennoch (oder gerade deswegen) schrieb er noch 1962, als er längst zum Professor für Völkerkunde an der Universität Marburg aufgestiegen war: »Der Zigeuner weiß sich dem Wirtsvolk gegenüber sozial unterlegen. Bei aller Wahrung der Distanz unterhält sich der einheimische Südosteuropäer mit ihm, macht Witze über ihn, verspottet oder verprügelt ihn, ohne dass in ihm als Opfer irgendein Rachegefühl aufkommt. In seiner Ohnmacht lässt er mit Gleichmut alles über sich ergehen. Selbst in den Konzentrationslagern bewahrte er Frohsinn, Tanz und Scherz: Er bleibt stets, was er ist, ein stolzer, selbstbewusster Zigeuner.«2
Die verheerenden Auswirkungen, die Erforschung, Kategorisierung und Erfassung haben können, zeigen sich am Schicksal der etwa 500.000 Sinti und Roma, die während des Nationalsozialismus in Deutschland und in den durch deutsche Truppen besetzten Gebieten ermordet wurden. Ohne die Vorarbeiten von EthnographInnen oder »RasseforscherInnen« wäre dies den Nationalsozialisten nicht in dieser Form möglich gewesen. Doch für die angeblich wertfreie Wissenschaft ist das kein Problem: Auf die Daten, die die »Rassenhygienische Forschungsstelle« unter Leitung von Robert Ritter während des NS erhoben hatten, stützten sich »WissenschaftlerInnen« wie Hermann Arnold bis in die 1970er Jahre.
Auch in jüngerer Zeit forschen EthnologInnen und SoziologInnen in problematischer Weise über Sinti und Roma, wie beispielsweise die Mitarbeiter des »Projekts Tsiganologie« an der Universität Gießen. Gegen dieses und andere Projekte begann sich der »Verband deutscher Sinti« in den 1980er Jahren zu wehren. Die Sinti sahen in dem von den TsiganologInnen konstruierten »Zigeuner« das überlieferte Bild der Nicht-Integrierbarkeit fortgeführt. Die von den Nazis behauptete rassische Andersartigkeit werde nun mit scheinbar kulturellen Argumenten weitergeführt, lautete die Kritik der Sinti. Sie bezog sich auf Äußerungen wie die der Ethnologin Georgia Rakelmann: »Man kann sagen, dass der bewusste Verzicht auf das Schriftliche ein Teil der positiven ethnischen Identität für viele Zigeuner ist.« Das Perfide an solchen Aussagen liegt nicht nur in der Festschreibung vermeintlicher ethnischer Identitäten, sondern auch in der Ausblendung der Tatsache, dass den Sinti und Roma während des Nationalsozialismus der Schulbesuch lange Jahre verboten war. Und auch nach 1945 wurden Sinti und Roma vom deutschen Schulsystem diskriminiert.
Angesichts solcher Verzerrungen ihrer Lebensrealität wurde auf dem 3.Welt-Roma-Kongress 1981 in Göttingen folgende Forderung in Bezug auf ethnologische Forschung über Sinti und Roma verabschiedet: »Wir brauchen keine Gadschos, die für uns nachdenken und uns erklären, welche Hoffnungen und Aktivitäten wirklich ?zigeunerisch? sind. (...) Bis vor kurzem konnten sich die Roma kaum gegen solche falschen Vorstellungen wehren. Weitverbreitetes Analphabetentum, politische Machtlosigkeit, die soziale Randstellung und die mangelnde Teilnahme am akademischen Leben erhielten den status quo. (...) Die Gadschos wissen heute mehr über uns als jemals zuvor, und um selbst auf dem laufenden zu bleiben, müssen wir uns mit unserer eigenen Geschichte befassen und uns überall dort zu Wort melden, wo wir selbst betroffen sind.«3 Diese Aufforderung wird unter anderem seit 1997 im Dokumentations- und Kulturzentrum der deutschen Sinti und Roma in Heidelberg umgesetzt.
Anmerkungen:
1 Seine wichtigsten (Mach)Werke waren »Die materielle Kultur der rumänischen Zigeuner« (1923, Promotion) und »Die Zigeuner ? Ihr Leben und ihre Seele« (1936, Habilitation)
2 zit. nach Reemtsma, Katrin (1996): Sinti und Roma, Geschichte, Kultur, Gegenwart, S.55
3 zit. nach Ruch, Martin (1986): Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen ?Zigeunerforschung? von den Anfängen bis 1900, Freiburg.
Ulrike Huber ist Studentin der Ethnologie und Mitarbeiterin des iz3w. |