Literatur
Ein Roman wie ein Grabstein
Das Ruanda Projekt als Versuch eines literarischen Zugangs zu Krieg und Völkermord
Vor drei Jahren reiste eine Gruppe von zwölf afrikanischen SchriftstellerInnen nach Ruanda, um an einem literarischen Projekt ? Rwanda: écrire par devoir de mémoire ? teilzunehmen, das sich die Erinnerung an den Genozid in Ruanda zur Aufgabe gemacht hat. Die Initiative dafür ging von ?Fest Afrika? aus, einem jährlich stattfindenden Festival für afrikanische Kunst und Medien. Während des internationalen Literaturfestivals, das im Juni diesen Jahres in Berlin stattfand, diskutierten Véronique Tadjo, Boubacar Boris Diop, Abdourahman A. Waberi und Ken Bugul über das Projekt und über Möglichkeiten eines literarischen Zugangs zu Krieg und Völkermord.
Was bewegt Schriftsteller, in ein Land zu gehen, in dem es einen schrecklichen Krieg und einen Genozid gab, und dann darüber zu schreiben?
Tadjo: Es geht um Erinnerungsarbeit. Zu schweigen, das wäre der falsche Weg, das wäre das Schlimmste, was man machen kann. Wenn man keine Erinnerung hat, die man an die nächste Generation weitergibt ? das gilt im Guten wie im Schlechten ? dann kann man nichts für die Zukunft gewinnen.
Bugul: Ich selbst bin ja nicht beteiligt an dem Projekt, aber ich habe sehr viel von den befreundeten Kollegen mitbekommen. Es ging denen, die nach Ruanda gegangen sind, nicht primär darum, über den Völkermord zu schreiben. Ich habe acht der bislang im Rahmen des Projekts herausgegebenen Bücher gelesen, in denen es nicht vornehmlich darum geht, ein Bewusstsein zu schaffen, sondern eher eine Bestandsaufnahme zu machen. Afrikanische Intellektuelle können nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem, was in Ruanda passiert ist. Es ist das erste Mal, dass sie sich selbst mit einer solchen Geschichte auseinandersetzen, bislang wurden Kriege oder Völkermorde von außerhalb, von Europa beschrieben.
Boubacar Boris Diop , Sie haben geschrieben: »Das Problem ist nicht die Fiktion, das Problem ist das Schweigen.« Können Sie das erläutern?
Diop: Manche von uns hatten ja schon zuvor Bücher über Ruanda geschrieben. Wir haben dies auf eine eher allgemeine Art getan, das heißt wir hatten unsere Bilder aus dem Fernseher. Während des Bürgerkriegs und des Massakers in Ruanda haben wir die Augen davon abgewendet. Die Worte, die wir damals benutzt haben, waren zu allgemein, als dass sie den Kern des Problems hätten treffen können. Es ist sehr vage geblieben, die Fiktion war nicht Resultat einer Erfahrung, sondern dieser Bilder. Als wir dann in Ruanda waren, wurden wir mit der Wirklichkeit konfrontiert. Wir haben den Leuten zugehört, waren für ihre Probleme empfänglich und haben dadurch ihr Vertrauen erworben ? und sie haben uns viel erzählt. Daraufhin haben wir auch wieder fiktionale Geschichten geschrieben, aber diese Geschichten waren andere als die früheren. Es war eine Art von Erinnerungsarbeit. Wir haben uns diesmal nicht an die Lebenden, sondern an die Toten gewandt. Allerdings haben wir dies alles stellvertretend gemacht. Eine wirkliche Aufarbeitung, auch eine fiktionale, wird in den nächsten Jahren von den Ruandern selbst geleistet werden müssen.
Tadjo: Die Arbeit der Erinnerung ist sehr schwer. Es wird nie zu dem Punkt kommen können, an dem man sagen könnte: Das ist jetzt abgeschlossen. Es ist kein Ende abzusehen.
Sie haben gerade angesprochen, dass Sie Ihre Erlebnisse in eine fiktionale Form gebracht haben, die sich nach dem Ruanda-Aufenthalt geändert hat. Hat sich also das Verhältnis von Form und Inhalt verschoben?
Waberi: In dem Moment, wenn man veröffentlicht, ist der Roman freigegeben zur Beurteilung. Jeder und jede hat eine eigene Art der Umsetzung, in Form von Romanen, in Lyrik oder sonstwie. Im Ruanda-Projekt haben die meisten auf ihre bewährte Form zurückgegriffen. Für uns stellte sich dieses Formproblem nicht, aus der ruandischen Bevölkerung aber kam der Wunsch, eher in Form von Essays zu schreiben, also weniger fiktional, weil sie möglichst nah an der Realität bleiben wollten.
Diop: Als Véronique und ich unsere Texte fertig hatten, haben wir unsere ursprüngliche Abmachung aufgegeben, die Bücher gegenseitig zu lesen, bevor sie veröffentlicht werden. Wir fühlten uns überbeansprucht von dieser Arbeit. Es war viel schwieriger als das, was wir bisher gemacht haben. Sie fragte mich, wie ich denn dieses Buch geschrieben hätte. Ich sagte: Mit einer großen Portion Zynismus, mit einer großen Verachtung für die Literatur. Nach all den Schrecken, den wir gesehen hatten, hielt ich es nicht für wichtig, mein Talent zu zeigen, dass ich als Schriftsteller habe. Das Wesentliche war, dass das Buch alle verstehen sollten, und sie sollten inspiriert werden, weiter zu gehen.
Bugul: Mir leuchtet der Widerspruch, die Trennung von Form und Inhalt nicht ein. Wenn jemand, zumal ein Kunstschaffender, zum ersten Mal in ein Land fährt, in ein fernes Land mit fast poetischem Klang, in dem es einen Krieg mit 800.000 Toten gegeben hat, sieht man zunächst einmal recht wenig. Was muss das für ein Schock gewesen sein! Es kann dabei gar nicht um ein schöpferisches, um ein literarisches Projekt gehen.
Der Versuch, weniger fiktional zu schreiben, den Inhalt durch einen sehr sachlichen, beschreibenden Stil in den Vordergrund zu stellen, birgt die Gefahr in sich, die Ereignisse in den Bereich der Rationalität zu transformieren. Geht dabei nicht viel verloren?
Diop: Das Problem, dem man sich tatsächlich stellen muss, ist das der Wirksamkeit. Wie soll man den Schrecken wiedergeben ? indem man sich ihm nähert oder indem man sich von ihm entfernt? Das ist ein ästhetisches Problem. Natürlich gibt es einen Willen zur Rationalität, aber eben nicht nur das. In einem rein theoretischen oder empirischen Text gibt es keine Personen. In seinen Texten über den Holocaust hat Primo Levy das gezeigt. Seine Stärke ist nicht die Wiedergabe der Tatsachen und Hintergründe, sondern sie entsteht aus kleinen Hinweisen, die die Strategien des Überlebens oder die Tapferkeit und Feigheit von einzelnen zeigen. Und das ist eine Möglichkeit, der Logik des Völkermordes entgegenzutreten, die Menschen nicht nur tötet, sondern sie vergessen machen will. Menschen werden in Massengräbern vergraben, die Opfer haben keine Namen und keine Identität mehr. Der Roman versucht ihnen genau dies wiederzugeben. Ein Roman über den Genozid ist also so etwas wie ein Grabstein, und er ist meist leichter zu verstehen als das Werk eines Historikers. Diese Texte sollen in den Schulen und Universitäten diskutiert werden, und zwar in ganz Afrika.
Tadjo: Wenn wir über Fiktion sprechen, dann müssen wir uns erst mal klar werden, worüber wir dabei eigentlich reden. Sehr oft wird das ja einfach so verstanden, als sei alles Fiktionale erträumt und erfunden. Dabei ist es doch so, dass die Fiktion in der Literatur auf eigenen Erfahrungen erwächst. Die Autoren und Autorinnen, die an dem Projekt teilgenommen haben, haben viele Quellen, Berichte und Reportagen gelesen, es gab eine große Datenbank. Auf dieser Grundlage von Fakten haben sie dann geschrieben.
Bugul: Sollte einmal der Genozid selbst beschrieben werden, wird das über die Fiktion weit hinaus gehen. Selbst wenn Sie sich Filme über die Geschehenisse ansehen, werden sie nur einen Bruchteil dessen erfassen, was tatsächlich in Ruanda passiert ist. Das ganze Ausmaß ist unvorstellbar.
Welche Informationen hatten Sie, als Sie nach Ruanda gefahren sind?
Waberi: Es war nicht schwer, an Hintergrundinformationen zu gelangen. Ich selbst habe auch zwei Bücher von Überlebenden gelesen ? allerdings erst, als mein eigenes Buch fertig war, und das war vielleicht gut so.
Diop: Ich bin mit sehr viel Misstrauen nach Ruanda gefahren, ich war überzeugt, dass wir nicht alles glauben sollten, was uns erzählt werden würde. Die Leute haben dann sehr viel erzählt, was uns sehr bewegt hat. Aber wir hatten auch unsere Bibliothek dabei, wir hatten immer die Möglichkeit der Recherche. Ich hatte das Gefühl, sehr genau sein zu müssen. Ich habe zuvor ein Buch gelesen, das mich sehr aufgewühlt, aber auch ermutigt hat, mit der Arbeit fortzufahren: Es enthält Interviews mit Überlebenden, die ihre ganze Familie verloren haben, und auch Gespräche mit Mördern, die sehr offen über ihre Taten geredet haben. Ich habe diese Zeugenaussagen gelesen, danach merkte ich, dass ich erstmal mehr Abstand brauchte.
Sie sind zwar alle Afrikaner, aber keine Ruander. Wie haben Sie das Vertrauen der Leute gewonnen?
Waberi: Als wir in Ruanda angekommen sind, war der Empfang sehr reserviert, um nicht zu sagen kalt. Viele Leute haben gesagt: Ja gut, ihr seid Schwarze, ihr seid Afrikaner, aber ihr seid keine Ruander. Und ihr kommt vier Jahre nach dem Völkermord in unser Land ? warum? Wir haben erst mit der Zeit das Vertrauen der Leute gewonnen. Wir haben im Zentrum von Kigali gewohnt, nicht in den reichen Vierteln, und die Menschen haben gesehen, dass wir keine offizielle Delegation sind, die geschickt worden ist, sondern dass wir uns auf sie einlassen wollten.
Diop: Am Anfang haben die ruandischen Behörden das Projekt nicht haben wollen. Hintergrund ist, dass es einen großen Streit gibt zwischen der französischen Regierung und der Regierung in Kigali. Denn Frankreich stand offiziell immer auf der Seite der Völkermörder. Und wenn jetzt Schriftsteller kommen aus Dakar, aus Djibuti, eben aus Ländern, die französich dominiert sind, dann ist klar, warum die Haltung der Ruander erstmal nicht sehr aufgeschlossen ist. Wir wurden zwar nicht brutal abgelehnt, aber höflich auf Distanz gehalten, bis einige unserer persönlichen Freunde, Ruander, die in Europa lebten, nach Kigali kamen und erklärten: Diese Leute sind Schriftsteller, ihr müsst ihr Projekt nicht torpedieren. Dann erst begannen die Leute, offen mit uns zu sprechen.
Die Fragen stellten das Publikum, die Moderation und die Initiatoren des Literaturfestivals. Zusammenstellung und Bearbeitung: Stephan Günther.
Mehr zu den AutorInnen und dem Literaturfestival: www.literaturfestival.com
Ken Bugul, mit bürgerlichem Namen Mariétou Biléoma Mbaye, wurde 1948 in Ndukumane, Senegal, geboren und lebt heute in Benin. Ihr Pseudonym bedeutet in der Wolof-Sprache etwa »niemand will sie haben«. Ihr erster Roman, »Die Nacht des Baobab«, mit autobiographischem Charakter, kulminiert in der bitteren Erkenntnis der Protagonistin Ken, dass sie auch in Westeuropa, das sie einst sehnsüchtig angesteuert hatte, »nicht gewollt« ist. Bis heute hat Ken Bugul vier Romane veröffentlicht. Ihr neuestes Werk, »La folie et la mort« entstand in Auseinandersetzung mit dem Völkermord in Ruanda.
Boubacar Boris Diop, geboren 1946 in Dakar, Senegal, ist Journalist und Schriftsteller. Er verfasste fünf Romane sowie Theaterstücke, Drehbücher, Erzählungen, literaturkritische Aufsätze. Der Autor lebt in Dakar und schreibt unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung. Auf der Grundlage von Gesprächen mit den Überlebenden des Genozids an den Tutsis, bei dem 1994 fast eine Million Menschen getötet wurden, entstand Diops letzter Roman, »Murambi, le livre des ossements«.
Véronique Tadjo, geboren 1955 in Paris, wuchs an der Elfenbeinküste, der Heimat ihres Vaters, in Abidjan auf. Sie promovierte an der Pariser Sorbonne über afroamerikanische Literatur und Kultur. Neben drei Romanen hat sie mehrere Jugendbücher verfasst und illustriert. Mit dem Prosaband »L?Ombre d?Imana« formulierte sie eine literarisches Mahnmal für den Genozid in Ruanda.
Abdourahman A. Waberi, geboren 1965 in Djibouti, der Hauptstadt des gleichnamigen Staates in Nordostafrika, lebt als Englischlehrer in Caen, Normandie und ist u.a. als Kritiker für Le Monde diplomatique tätig. In deutscher Übersetzung erschien seine Erzählsammlung »Die Legende von der Nomadensonne«. Im Rahmen des Ruanda-Projekts erschien von ihm im letzten Jahr in Paris der Prosaband »Moisson de Crânes« (auf deutsch etwa »Schädelernte«).
Véronique Tadjos Beitrag zum Ruanda-Projekt, der schatten gottes. Reise ans Ende Ruandas, in diesem Jahr im Peter Hammer-Verlag erschienen, ist eine Mischung aus Reise-Tagebuch, Gesprächsprotokollen, kurzen Geschichten, sachlichen Berichten und Dokumentationen. Die sehr verschiedenartigen Fragmente sind Ausdruck der zentralen Frage, die sich die Autorinnen und Autoren des Ruanda-Projekts gestellt haben: Wie den Schrecken des Völkermords wiedergeben ? durch Annäherung oder durch Distanz?
Der Zorn der Toten
»Die Toten besuchten regelmäßig die Lebenden. Wenn sie zu ihnen kamen, fragten sie, weshalb man sie getötet hatte. Die Straßen der Stadt waren voller rastloser Seelen, die in der stickigen Luft umherschwärmten. Sie streiften die Lebenden, setzten sich auf ihren Rücken, liefen neben ihnen, tanzten um sie herum, folgten ihnen durch überfüllte Gassen. Die Toten hätten gerne geredet, doch niemand hörte sie. Sie hätten gerne all das gesagt, wozu ihnen keine Zeit geblieben war, all die Worte, die man ihnen weggenommen, von der Zunge geschnitten, aus dem Mund gerissen hatte. Sie waren in allen Vierteln der Stadt. Man konnte sie spüren, wenn sie die Leute hastig überholten. Die Seelen beeilten sich, nach Hause zu kommen, um alle zu besuchen, die sie gekannt hatten, an die Orte zu kommen, die sie geliebt hatten und die ihnen vertraut geblieben waren. Selbst wenn von den Häusern nichts übrig geblieben war als eine Ruine, so genügte ihnen ein Stein, um vergangene Zeiten wachzurufen. Sie schwebten zwischen den Lebenden, die ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgingen und deren Erinnern nachzulassen begann. Die Verwundungen waren noch in ihrem Fleisch, doch sie schlossen sich langsam über den Albträumen.
(...) Manche Tote waren so wütend, dass sie sich weigerten zu gehen, wenn der Augenblick zum Verlassen der Erde gekommen war. Besonders einer, dem man den Kopf abgeschlagen hatte und der allen die Schuld gab. Zum Verbündeten hatte er einen sintflutartigen Regen. Dieser Regen tobte und war dermaßen erbost, dass er sich heulend weigerte, die Tore zur anderen Welt zu öffnen. Mit harten Schlägen trommelte er sein »Nein!« auf den Boden. Um zu sagen, dass der Tote nicht fortwollte, dass ihm noch vieles zu tun blieb. Dass er das Leben zu sehr geliebt hatte, um es auf diese Weise zu verlassen. »Nein!« Der Regen peitschte zornig und aufbegehrend, fordert, die Seele da zu behalten, wo sie war. Der Tote jammerte: »Weshalb so früh? Und auf diese Weise? Was wird aus meinem Sprechen, meinem Sehen? Wer setzt das fort, was ich begonnen habe?« Er warf sich in die vier Himmelsrichtungen des Windes. Zog von Haus zu Haus, von Hof zu Hof, während der Regen weiter fiel und die Menschen in ihren Häusern einschloss. Alles war zum Stillstand gekommen. Der Tote sprach, argumentierte, verhandelte über seinen Verbleib auf der Erde. Doch keiner antwortete ihm, weil alle eingemauert waren in ihrem Schmerz, betäubt von Tränen und von Reue.«
Gemeinde Kicukiru
»Kinder des Völkermords, sie sind die Wunde, an der das Land noch einmal sterben könnte, denn ihr Leiden ist bitter und ihre Zukunft geht nicht weiter als bis zum Ende der Straße. Sie wachsen auf mit Wut im Bauch und dem Wissen, dass ein Leben nicht teuer ist, dass es überhaupt keinen Wert hat, egal zu welcher Gruppe man gehört. Sterben ist für sie keine große Sache, man stirbt am Straßenrand, im Schlamm oder im Staub. Diejenigen, die kommen und Waffen in ihre Hände legen, sie in eine Bettlerarmee aufnehmen wollen, werden die richtigen Worte finden, um die Leere ihrer Vagabundentage zu füllen. Sie sind die offenen Wunden des Erinnerns, die eiternde Wunde des Bösen.«
Eine junge Frau aus Zaire, die aussah wie eine Tutsi
»Sie spricht mit traurigem Lächeln und so leise, dass man sich anstrengen muss, sie zu verstehen. Die Worte, die sie sehr rasch äußert, dabei nicht innehaltend, kommen ohne Ausflüchte, ohne Schnörkel aus ihrem Mund. In Wirklichkeit ist sie weit entfernt in einer anderen Welt, während sie die schrecklichen Ereignisse noch einmal durchlebt. (...) ?Es war abends, ich hatte fertig gegessen und blätterte gerade in einer Zeitschrift, das Baby neben mir. Ich hab Schüsse gehört, was mich nicht besonders aufregt, weil hier immer mal geschossen wird. (...) Um sechs Uhr morgens hat der Boy wie wild gegen die Tür getrommelt, das Baby fing an zu weinen, und ich hab gesehen, dass Etienne noch immer nicht da war, das hat mich schon sehr gewundert. Auf meine Frage, was los ist, hat der Boy geschrien: Madame, kommen Sie schnell, die Hutu-Soldaten bringen alle Tutsi um! Zur gleichen Zeit sind Soldaten am Haus vorbeigelaufen, und einer hat den Boy, der sich rasch vor die Tür gestellt hat, gefragt: Ist jemand hier im Haus? ? Sie sind längst alle weg, hat er geantwortet. ? Wenn ich da drin jemand sehe, töte ich dich mit ihnen hat der Soldat geschrien. Ja, hat der Boy gesagt, und ich hab mich im Badezimmer versteckt und dem Kind mit der Hand den Mund zugehalten, ich fing an zu zittern, doch der Soldat ist weggegangen (...). Vor dem Haus ist alles voller Leichen, dazwischen welche, die ich kenne, ein Gemüsehändler aus dem Viertel, und ein anderer, ein junger Automechaniker, hat unten in der Straße gearbeitet und alle Autos repariert. Ich renne mit meinem Kind, die Toten auf dem Weg machen mir Angst, ich erreiche das Haus meiner Nachbarin, einer Hutu, mir ist ganz schwindlig. Sie sagt, ich soll schnell reinkommen, und ich hab mich die ganze Zeit mit meinem Kind unter einem Bett versteckt, das war auch eine Tutsi mit ihren drei Kindern und einer Cousine.(...)
Dann sind sie wieder ins Haus gekommen und haben mit den Stiefeln überall reingetreten, und alles kaputtgemacht, was drin war, auch Sachen genommen, ich hab zu stark gezittert, das Baby fing an zu weinen, und sie haben mich unter dem Bett rausgeholt. Ich hab den Kopf verloren. Warum zitterst du so? Was versteckst du? Ich hab gesagt: Ich bin keine Tutsi, ich bin aus Zaire. Einer von ihnen ohrfeigt mich: Wenn du aus Zaire bist, weshalb versteckst du dich dann? Sag die Wahrheit, oder ich töte dich auf der Stelle, gib mir das Kind! Er hat mir die Pistole ins Gesicht gehalten und das Baby genommen, ich hab geschrien, sie haben das Kind vor meinen Augen getötet und dann in den Hof geworfen, ich bin zusammengebrochen?.« |