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(Artikel * 2001) Mimkes, Philipp
Die Schmuggelkönigin und die Bayer-Tochter Der Bürgerkrieg im Kongo lebt vom Rohstoffhandel
in iz3w Nr. 254 * Seite 7 - 8
Themen: Konflikt; Konzern; Rohstoff; Rüstung * Kongo, Demokratische Republik * BAYER; Coltan - Colombo-Tantalit * Dok-Nr: 112883
Kongo

In der Demokratischen Republik Kongo wird derzeit ein »afrikanischer Weltkrieg« geführt. Rebellengruppen und verschiedene Nachbarstaaten ringen um Einfluss und Bodenschätze. Die rasant anwachsenden Erlöse aus dem Verkauf des seltenen Edelmetalls Tantal spielen dabei eine wichtige Rolle. Zu den wichtigsten Aufkäufern von Tantal gehört die deutsche Firma H.C. Starck.

von Philipp Mimkes

Die Hügel um die Stadt Mumba im Osten des Kongo sind mit Stollen und kleinen Bergwerken übersät. Wenn die Sonne untergeht, klettern Minenarbeiter aus den schlecht befestigten Gräben, einige umklammern Plastiktüten mit schwarzem Sand. Die Arbeit ist hart und gefährlich. Niemand kontrolliert die Sicherheit, und viele Bergleute schürfen auf eigene Faust. Erst vor kurzem wurden 70 Arbeiter in einem einstürzenden Stollen begraben. Zweimal wöchentlich kommen schwer bewaffnete Soldaten in die Region 50 km nordwestlich von Goma und kaufen den bröckeligen Sand für 20 Dollar pro Kilo an ? ein Vermögen in diesem Teil der Welt. Keiner der Minenarbeiter kennt den Grund für das große Interesse an dem Mineral, nach dem sie suchen.
Coltan - Abkürzung von Colombo-Tantalit - enthält das seltene Metall Tantal, eines der zur Zeit begehrtesten Elemente überhaupt. Das extrem hitze- und säureresistente und einfach zu verarbeitende Edelmetall wird für die Produktion von Handys, Flugzeugmotoren, Airbags, Nachtsichtgeräten und hochmodernen Kondensatoren verwendet. Das Pentagon stuft Tantal als strategischen Rohstoff ein. Die wichtigsten Reserven liegen in Australien, Brasilien und Kongo. Als Coltan im letzten Jahr knapp wurde und der Weltmarktpreis sich das erste Mal verdoppelte, wechselten viele Goldgräber das Fach und schürften nun nach dem unscheinbaren Mineral. Dann verdoppelte sich der Preis erneut, dann noch einmal und noch einmal, bis schließlich in Europa 400 Dollar pro Kilogramm bezahlt wurden. Schließlich erklärte die Rebellengruppe »Kongolesische Sammlung für die Demokratie« (RCD), die den Osten des Kongos beherrscht, ein Exportmonopol. »Wir befinden uns schließlich im Krieg«, erklärt Adolphe Onusumba, Präsident der von Ruanda unterstützten RCD. »Wir müssen unsere Soldaten ausrüsten und bezahlen«.
Der kongolesische Reichtum an Gold, Diamanten und Kupfer weckt seit jeher Begehrlichkeiten. Auch die beiden seit 1996 tobenden Kriege werden hauptsächlich mit dem Verkauf von Mineralien finanziert. Als die RCD mit Hilfe der ruandischen Armee im August 1998 die jüngste Runde im Bürgerkrieg einläutete, kannte niemand Coltan, das damals den Abbau kaum lohnte. Heute, wo eine Tonne mehr als eine halbe Million Mark einbringt, veranschaulicht gerade die Jagd nach dem seltenen Mineral, warum Soldaten aus sechs afrikanischen Ländern sowie zahlreiche Milizen und Privatarmeen in diesem »ersten afrikanischen Weltkrieg« kämpfen.
Der Belgier Erik Kennes, der die Auswirkungen von Bürgerkrieg und Rohstoffabbau für die Zivilbevölkerung untersucht, fasst die Situation wie folgt zusammen: »Die Bevölkerung arbeitet bis zur Entkräftung, um die Armeen zu ernähren, die sie ausbeuten.« Ein Expertengremium der Vereinten Nationen, das kürzlich den Export von Rohstoffen aus dem Kongo untersuchte, war überrascht von der herausragenden Rolle, die Coltan spielt.

Profitable Allianzen
Die kongolesische Regierung hat zahlreiche Schürfrechte an militärische Verbündete vergeben: Ölförderlizenzen gingen an Angola, Diamanten- und Kobaltminen an Simbabwe, Abbaurechte für Diamanten an Namibia. Die Rebellenarmeen wiederum, die rund die Hälfte des Staatsgebietes kontrollieren, verkaufen Holz, Kaffee, Diamanten und Gold. Das mit den Aufständischen verbündete Uganda verzehnfachte im Laufe des Krieges seine Goldexporte. »Wir verdienen monatlich rund 200.000 Dollar am Diamantenhandel«, teilt RCD-Anführer Onusumba mit. »Der Coltan-Verkauf hingegen bringt in einem guten Monat eine Million.« Das Geld wird für den Unterhalt der 40.000 Mann starken Armee und zur Anwerbung neuer Soldaten verwendet, die die RCD wegen des Abzugs der ruandischen Armee benötigt.
Ruanda ist seit Beginn des Krieges die wichtigste militärische Kraft im Kongo, wobei lange Zeit unklar blieb, wie das winzige und vom eigenen Bürgerkrieg gezeichnete Land die enormen Kosten eines Kampfes an einer 1000 Kilometer langen Frontlinie finanzieren konnte. Ruanda verdient nun zum einen am Export der kongolesischen Bodenschätze und baut zudem die Rohstoffe des Nachbarlandes direkt ab: Ruandische Bauern wurden nach Walikale in der Provinz Nord Kivu, wo man das reinste Coltan findet, umgesiedelt, um dort in den Minen zu arbeiten.
Die im November 2000 von der RCD gegründete Firma SOMIGL kontrolliert den Export des Minerals. Pro Tonne werden 10.000 Dollar Steuern erhoben. Als Managerin der SOMIGL engagierte die RCD Aziza Kulsum, die in der Region als Schmuggelkönigin gilt und neben Rohstoffen auch mit Waffen, Gold und Elfenbein handelt. Kulsum stand früher auf Seiten der Hutu-Extremisten, was sie zu einem ungewöhnlichen Partner für die RCD macht, die ja von der Tutsi-geführten Regierung Ruandas abhängt. Die langjährige Erfahrung gab aber den Ausschlag zugunsten von Kulsum.
Im Dezember vergangenen Jahres exportierte die SOMIGL 123 Tonnen Coltan, im Januar 97 Tonnen. Mit den Einnahmen von jeweils etwa einer Million Dollar wurden neben den Soldaten auch Lehrer und Staatsbedienstete bezahlt, von denen manche seit Jahren kein Gehalt erhalten hatten. Im Februar sank die exportierte Menge jedoch auf 17 Tonnen. Die Preise für Coltan fielen und private Schmuggler nahmen das lukrative Geschäft auf. Einer von ihnen berichtet stolz: »Unsere Zulieferer bringen das Mineral nach Ruanda, von dort verkaufen wir es weiter. Wir verdienen 200.000 bis 300.000 Dollar pro Monat.«
Über die Vertriebswege und die europäischen Käufer hüllen sich die Händler in Schweigen. Der von den Rebellen organisierte Export läuft über die ruandische Hauptstadt Kigali, von der aus die belgische Fluglinie Sabena zweimal wöchentlich nach Brüssel fliegt. Mit einem exklusiven Verbund von Käufern werden dann in London die endgültigen Preise ausgehandelt. Etwa die Hälfte des kongolesischen Tantalits wird nach Recherchen der Washington Post von der deutschen Firma H.C. Starck, einer Tochter des Leverkusener Bayer-Konzerns, weiter verarbeitet. H.C. Starck gehört weltweit zu den wichtigsten Käufern seltener Metalle.

Verfolgte Unschuld
Fragen nach der Herkunft ihrer Produkte beantwortet die Firma nur ausweichend. Ein Brief der Coordination gegen BAYER-Gefahren, der sich nach dem Vertriebsweg der importierten Rohstoffe, der Höhe der Aufwendungen und den Partnern vor Ort erkundigte, wurde nur unzureichend beantwortet. Aus »Wettbewerbsgründen« will der Konzern die Geschäftspartner nicht nennen. Die Anschuldigung, H.C. Starck oder ihre Zwischenhändler bezögen Rohstoffe von der »Schmuggelkönigin« Aziza Kulsum, wird zurückgewiesen. Auch als der »Stern« in seiner Ausgabe vom 7.6.2001 meldete, die Vereinten Nationen hätten inzwischen die gleichen Vorwürfe gegen H.C. Starck erhoben, wies der Bayer-Konzern sie zurück. Allerdings liegt dem Stern eine Stellungnahme eines Starck-Sprechers vor, in der er einräumt, in der Praxis sei es »nur schwer nachvollziehbar, ob Rohstoffe aus der Krisenregion oder anderen Teilen Afrikas stammen.« Die Coordination gegen BAYER-Gefahren reicht nun zur Hauptversammlung der BAYER AG einen Gegenantrag ein, nachdem dem Vorstand wegen der Finanzierung des Kriegsgeschehens im Kongo die Entlastung verweigert werden soll: »H.C. Starck trägt Mitverantwortung für die grauenhaften Kämpfe, denen bereits Hunderttausende zum Opfer fielen. Wir fordern die Firma auf, den Tantal-Import aus dem Kongo umgehend einzustellen.«
»Dies ist Kapitalismus in seiner reinsten Form«, meint Robert Raun, Präsident der amerikanischen Eagles Wings Resources, die seit zwei Jahren kongolesisches Coltan importiert, zum Krieg um das Metall. Für die Minenarbeiter im Osten Kongos ist dieser Kapitalismus jedoch nicht lukrativ. »Wir könnten reich sein«, sagt Alex Kabongo, der nach Coltan schürft, seit er im Krieg sein Vieh verlor, »aber wir haben keinerlei Sicherheit.« Wegen der zahlreichen Banden und Armeen ist der Besitz von Geld oder wertvollen Mineralien für ihn lebensgefährlich.

Philipp Mimkes ist Mitarbeiter der Coordination gegen Bayer-Gefahren.