Rassismus
Seit einiger Zeit sind anti-rassistische Gruppierungen ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit mit einer Art Modernisierung fremdenfeindlicher Ideologien konfrontiert: Immer häufiger trifft man auf rassistische Reden, die sich sozusagen auf den neuesten gesellschaftlichen Stand gebracht haben, ihren vormals zentralen Begriff der Rasse in den Hintergrund schieben und nun von der Kultur bzw. von der unaufhebbaren Differenz der Kulturen sprechen. Die rassismusanalytische Literatur hat dies als ?Neo-Rassismus?, ?Rassismus ohne Rassen?, ?kulturalistischen? oder ?differentialistischen Rassismus? definiert und von den alten, rein biologistischen Diskursen abgegrenzt.1 Im Rahmen unserer Reihe zu Rassismus und Rassismus-Theorien (iz3w 243-246, 249) soll die Vorstellung zweier sehr verschiedener Kritiken moderner Rationalität
als mögliche Werkzeuge für die Rassismustheorie ? Foucaults ?Bio-Macht? und Horkheimer/Adornos ?Dialektik der Aufklärung??
zur Analyse und Demontage des Neo-Rassismus beitragen. Wir beginnen mit einer Überprüfung von Foucaults Thesen. Im nächsten Heft werden diese dann mit der Ideologiekritik von Horkheimer/Adorno zusammengeführt.
Demontage des Neo-Rassismus
Moderne und postmoderne Konzepte in der Rassismustheorie (Teil I)
von Angelika Magiros
Die Idee einer ?Dialektik der Aufklärung? von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zählt bei aller schon zu verzeichnenden spätmodernen Vernunftskepsis noch zu einer Ideologiekritik, die sich auf so altbewährte Theorie-Elemente wie den Marxismus, die Psychoanalyse und die Erkenntniskritik stützt. Michel Foucaults These von der ?Bio-Macht? ? obgleich immer noch an einer Kritik der gesellschaftlichen Totalität interessiert ? ist hingegen bereits auf dem Boden von Poststrukturalismus und Diskursanalyse entstanden. Welchen Wert und welche Reichweite haben seine begrifflichen Instrumente bei der Bearbeitung des Neo-Rassismus, d.h. angesichts eines Objekts, das neben den alten biologistischen Elementen auch den neuen Kulturalismus enthält?
Die Bio-Macht
In Foucaults Schriften der 70er Jahre finden sich nicht wenige Passagen, in denen der Begriff Rassismus fällt ? so etwa in einem Abschnitt aus dem »Willen zum Wissen«, in dem Foucault die tragende Rolle der eugenischen Wissenschaft bei der Identifizierung und Behandlung der sogenannten sexuell Perversen im 19. Jahrhundert beschreibt: »Sie gab vor, die physische Kraft und moralische Sauberkeit des gesellschaftlichen Körpers zu erhalten; sie versprach, die Träger der Schande, die Degenerierten und die entarteten Bevölkerungsteile auszumerzen. Im Namen einer dringenden biologischen und historischen Notwendigkeit rechtfertigte sie die drohend bevorstehenden Staatsrassismen. Sie begründete sie in ?Wahrheit?.«2 An anderer Stelle, in einer 1976 gehaltenen Vorlesung, referiert Foucault die Logik des Krieges, der sich in der Moderne eine spezifische Begründung gibt: »Im Krieg wird es von nun an um zwei Dinge gehen: Nicht nur den politischen Gegner zu zerstören, sondern die gegnerische Rasse, diese Art von biologischer Gefahr, die diese auf der anderen Seite für die Rasse, die wir sind, darstellt. [...] Aber mehr noch, der Krieg wird im 19. Jahrhundert ? und das ist absolut neu ? als eine Art und Weise erscheinen, nicht nur seine eigene Rasse zu stärken, indem man die gegnerische Rasse (gemäß den Themen der Selektion und des Lebenskampfes) ausschaltet, sondern ebenfalls als eine Art und Weise, seine eigene Rasse zu regenerieren. Je zahlreicher die unter uns sind, die sterben, desto reiner wird die Rasse sein, der wir angehören.«3 Offensichtlich kann man in Foucaults Augen von Rassismus sprechen, wenn die körperlichen Merkmale oder die biologische Konstitution von Individuen und ganzen Bevölkerungsgruppen (bzw. das, was man für eine solche Konstitution hält) als minderwertig und gefährlich bezeichnet und ihre Träger entsprechend herabgesetzt, bedroht und bekämpft werden.
Ein solcher Begriff von Rassismus ist in der Literatur und unserem anti-rassistischen Alltagsverstand durchaus üblich. In Foucaults Texten findet sich kaum Neues unmittelbar zum Thema, denn Rassismus ist für ihn nicht das eigentliche Objekt und Ziel seiner Kritik, sondern bildet lediglich eine Schleife innerhalb eines anderen, weiterreichenden theoretischen Projekts: der Beschreibung der allgemeinen modernen politischen Rationalität, die er Bio-Macht nennt.
Erst auf den zweiten Blick entpuppt sich diese etwas abseitige Position der Rassismus-Thematik in den Texten Foucaults als ein großer theoretischer Vorteil: Wenn die rassistischen Reden und Handlungen für ihn nur Teile eines größeren Zusammenhangs sind, wird man in seiner Darstellung weniger lesen können, worin sie sich von der sonstigen Politik unterscheiden, warum sie im Vergleich zur Moderne unmodern oder vormodern sind und wieso irrational im Vergleich zur üblichen Ratio ? vielmehr werden die starken Verbindungen und Parallelitäten zwischen ihnen und dem Allgemeinen im Vordergrund stehen. Foucault rückt den Rassismus damit analytisch in die Mitte moderner Gesellschaften.
Charakteristik und Funktionsweise der modernen Bio-Macht lässt Foucault durch einen historischen Vergleich hervortreten, d.h. durch ihre Abgrenzung von derjenigen Machtform, die bis ins 18. Jahrhundert hinein die vorherrschende in Europa war. Diese vormoderne Form war eine ?Macht, sterben zu machen?, denn sie beruhte auf dem geltenden Recht des Souveräns, sich mit Gewalt gegen seine Feinde zu wehren: Wenn er von außerhalb der Reichsgrenzen bedroht wurde, konnte er Krieg führen und sein Volk anweisen, sich für ihn der Gefahr des Todes auf dem Schlachtfeld auszusetzen ? und wenn die Bedrohung von inneren Feinden ausging, von Ungehorsam und Gesetzesbruch, verhängte er im äußersten Fall die Todesstrafe. Diese negative, abschöpfende, auf dem Tod beruhende Machtform ist einer geschichtlichen Phase zuzuordnen, in der sich die Entwicklung der Produktivkräfte noch auf sehr niedrigem Niveau befand, in der es wenig gab und der Souverän auf die Kräfte der ?einfachen Massen? zugriff. Entscheidend war für den vormodernen Machthaber, dass seinen Befehlen Gehorsam geleistet, ihm ein ordentlicher Anteil der Produkte des Bodens geliefert und zur Not für ihn in den Krieg gezogen wurde ? für eine weitergehende und feinere Kontrolle über das Leben seiner Untertanen fehlten ihm die Zeit und die Mittel.
Dies ändert sich im Lauf des 18. Jahrhunderts, nachdem die Seuchen und die großen Hungerkatastrophen in Europa weitgehend besiegt sind. »Der Tod hört auf, dem Leben ständig auf den Fersen zu sein« (Der Wille zum Wissen, S. 169), da zu dieser Zeit die Wissenschaften und die Techniken in der Ökonomie und der Medizin große Fortschritte machen, sich der Ertrag der Landwirtschaft erhöht, die Ressourcen für das Überleben der Menschen anwachsen und so die Bilanz zwischen Bevölkerungswachstum und der Steigerung der Produktivität immer positiver wird. In diesem Spielraum bildet sich, so kommt Foucault nun auf seinen zentralen Begriff, ein neues, gleichfalls produktives und positives Machtprinzip heraus, und dies ist jene Bio-Macht, deren Ziel ? oder zumindest Effekt ? darin besteht, das biologische, körperliche Leben der Menschen zu kontrollieren, zu regeln, zu verbessern und zu steigern.
Diese ?Macht, leben zu machen? ist aus Foucaults Perspektive selbstverständlich keine, deren positiver Charakter als Zuwachs politischer Freiheit zu verstehen wäre. Ganz im Gegenteil übt sie starke Zwangswirkungen aus. Doch während das vormoderne Machtprinzip der Souveränität ? so Foucaults Analyse ? darauf angewiesen war, sich zu zeigen und daher mit eindrücklichen Symbolen oder Zeremonien wie der öffentlichen Marter arbeitete, funktioniert die neue Bio-Macht lautlos, subtil, aber sehr effektiv; sie bedroht die Gesellschaftsmitglieder nicht mehr mit den blutigen Sanktionen des Gesetzes, sondern entfaltet Druck und Gewalt, indem sie alle an den Normen von Nützlichkeit und Gesundheit misst und auf diese trimmt.
Foucault beschreibt diese Herrschaftsprozeduren, die Arbeit der Bio-Macht, auf zwei Ebenen: Auf der Mikroebene ? die der Individuen ? machen sich disziplinierende Institutionen wie die Schule, die Armee, besonders aber das Gefängnis, die Klinik oder die Psychiatrie daran, die Körper der Einzelnen zu dressieren, damit sie ihre Kräfte geregelt und nützlich einsetzen und ihre Effektivität steigern können. Auf einer globaleren Ebene geht es darum, die biologischen Phänomene einer ganzen Bevölkerung im größeren, statistisch messbaren Maßstab zu kontrollieren und ihr Niveau durch staatliche Eingriffe wie Geburten-, Gesundheits-, Versicherungs- oder Bevölkerungspolitik im Sinn von mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit anzuheben. Die moderne politische Rationalität zeichnet sich, so kann man zusammenfassen, durch eine allgemeine Biologisierung und Medizinisierung aus.
Gefährlicher Humanismus
Tatsächlich sind in dieser durchbiologisierten Gesellschaft der Moderne alle Bestandteile der rassistischen Ideologie bereits angelegt: Dem biologistischen Rassismus dienen nicht irgendwelche Merkmale, sondern ganz spezifisch eine angebliche körperliche, biologische Güte bzw. Schwäche oder Gefährlichkeit zur Hierarchisierung der Menschen. So auch in der Gesellschaft allgemein, deren juridische Maßstäbe und Normen von Gesetz und Gehorsam sich ebenfalls in biologische oder bio-psychologische ? in die von Gesundheit und Leistungsfähigkeit ? gewandelt haben. Dieser moderne Rassismus begnügt sich nicht mit diesem Identifizieren und Einsortieren der Menschen, sondern behandelt sie auch entsprechend, wobei seine Aktionen insbesondere diejenigen treffen, die ihm als krank und gefährlich gelten. Genau dies kann man auch von der sonstigen Bio-Macht sagen, die gleichfalls unablässig arbeitet, Individuen und ganze Bevölkerungsgruppen trainiert und reguliert, kontrolliert, diszipliniert, therapiert und normalisiert, und die überdies ihre Aktivität bevorzugt auf jene richtet, die als anders, schwach, labil und pathologisch gelten. Der moderne Rassismus erhebt zudem den Anspruch, sich in wissenschaftlicher Wahrheit selbst zu begründen, wie es mit Blick auf den eugenischen Diskurs in Foucaults Eingangszitat hieß. Und auch dieses dritte und vielleicht deutlichste Kennzeichen lässt sich schließlich in der modernen Politik generell wiederfinden. Denn diese beginnt Foucault zufolge just in dem Moment, in dem die alte, für eine Souveränitätsmacht typische Berufung auf angestammte Rechte zugunsten einer neuen, rationaleren Herrschaftslegitimation fallengelassen und für das staatliche und institutionelle Handeln einfach die Anwendung der Humanwissenschaften ? der Biologie, der Psychiatrie und Psychologie, der Bevölkerungswissenschaften und besonders der Medizin ? reklamiert wird. Für Foucault sind die rassistischen Ideen und Praktiken also Teile im Getriebe der allgemeinen politischen Rationalität. Sie fügen sich sehr gut ein in das, was er als die übliche Politik moderner Gesellschaften beschreibt.
Dabei ist diese Bio-Macht für Foucault Ausdruck eines ? für ihn unguten ? humanistischen Utopismus, einer hektisch-gefährlichen Idee der befreiten Gesellschaft. Die biomächtige Menschentechnologie mitsamt ihren immensen Herrschaftswirkungen wird von dem Ideal einer rundum gesunden Gesellschaft getragen und erhält ihren eigentlichen Schub ? und ihre Skrupellosigkeit im Konkreten ? erst durch die legitimatorische Kraft dieses Zukunftstraums. Die vielbeschriebene Säkularisierung des modernen Zeitalters, so lautet seine These in diesem Zusammenhang, besteht weniger in einer tatsächlich gelungenen Freisetzung von den metaphysischen Idealen und Autoritäten, sondern vielmehr in dem Umstand, dass die Anweisungen und Versprechungen des Jenseits nur verdiesseitigt wurden und der Mensch sie fortan mit der Kraft seiner eigenen Rationalität erreichen will. Der Mensch, der alle seine Endlichkeiten und Unzulänglichkeiten losgeworden ist; der befreite, volle, mit sich identische Mensch: Dies ist ? immer noch ? das zwar chimärische, dafür jedoch umso drängender verfolgte Ziel, das nun mit den rationalen Mitteln der Wissenschaft und ihrer politischen Anwendung erreicht werden soll. So betrachtet ist die moderne humanistische Kultur eine einzige, groß angelegte Identitätspolitik.
In ihr spielen Biowissenschaften und Medizin eine große Rolle, denn sie bekämpfen die drückendsten aller menschlichen Endlichkeiten ? Krankheit und Tod ? und verfolgen den größten und schönsten aller Träume vom befreiten, identischen Menschen: die Gesundheit und vielleicht sogar die Unsterblichkeit. Die kritischen Analysen von Humanismus und Medizin, die Foucault in seinen frühen Schriften durchführt, können durchaus in seinen späteren, stärker politiktheoretisch orientierten Begriff der Bio-Macht übersetzt werden, und so sieht man schließlich ? liest man auf diese Weise einmal quer durch Foucaults Werk ?, dass es nicht nur eine rassismustheoretische Linie bereithält, d.h. nicht nur eine den Rassismus mit der Allgemeinheit verbindende Parallelität in ihm beschrieben wird, sondern gleich zwei: Einmal ist es das Hineinpassen des Rassismus in die Bio-Macht, hinzu kommt jedoch noch die Nähe der Bio-Macht zur anthropologischen Struktur der modernen Kultur, d.h. eben zu ihrer Sehnsucht nach dem vollen, mit sich identischen Menschen. Im theoretischen shortcut betrachtet, stellt Foucault die rassistischen Diskurse und Praktiken folglich als genuine ? keinesfalls abseitige oder zufällige ? Formen dar, in denen der wissenschaftlich gestützte Humanismus, dieser Stolz der Moderne, auftreten kann.
An dieser Stelle sieht man andererseits jedoch ebenso deutlich die funktionalen Grenzen der Thesen Foucaults, wenn es um den hier zu demontierenden Neo-Rassismus geht: Offensichtlich ist ihr theoretisches Verdienst, d.h. das provokante Parallelisieren von Rassismus, allgemeiner politischer Rationalität und ganz allgemeinem modernen Humanismus an die Voraussetzung gebunden, dass es sich bei ihrem Analyseobjekt um einen biologistischen Rassismus handelt. Wenn sich jedoch der Rassismus selbst, wie es neuerdings passiert, von der Biologie distanziert und nur noch von Kultur spricht, werden diese Ideen, so ist zu befürchten, theoretisch nicht mehr mitkommen.
Kultur ist...
Der Neo-Rassismus weist zwar verschiedene Varianten und Muster auf, einige Grundannahmen sind jedoch in fast allen seinen Ausformungen zu verzeichnen. Diese essentials des neuen rassistischen Diskurses verteilen sich wiederum auf zwei argumentative Felder: Zunächst grenzen sich die Neo-Rassisten von ihren Vorgängern, den biologistischen Ideologen, ab, indem sie diesen und besonders ihrem Rasse-Begriff vorwerfen, er sei veraltet, hierarchisch ausgerichtet und spreche immer noch von einer Hoch- und Minderwertigkeit der menschlichen Leistungen. Zudem sei der Gedanke der Rasse einengend und falsch, da er den Menschen vollkommen verkürzt als Produkt allein seiner biologischen Anlagen darstelle. Aus exakt diesen beiden Gründen sei der Begriff der Kultur ? und mit ihm die Rede von den differenten Kulturen zur Bezeichnung der verschiedenen Menschengruppen ? angemessener: ?Kultur? zu sagen bedeute, dass man die Gleichwertigkeit der Ethnien anerkenne und den Menschen als ein Wesen definiere, das mit seiner Gestaltungskraft weit über die Bedingungen seiner genetischen und somatischen Konstitution hinausgehe.
Trotz dieser ideologischen Lockerung bemüht sich der kulturalistische Rassismus dann aber um eine Begründung, warum die Individuen dennoch an ihre eigentliche, ursprüngliche Kultur gebunden seien: Gerade weil die Kulturen alle gleichwertig seien und ihren je spezifischen Beitrag zum Fortgang der menschlichen Entwicklung leisten, dürften sie sich nicht beliebig vermischen: In solchen Vermengungen würden die einzelnen Kulturen ihren Charakter verlieren und zu einer niveaulosen Einheitlichkeit verschmelzen, die mit einer Schwächung und Dekadenz der Menschheit insgesamt einhergehe. Außerdem und dementsprechend werde eine solche Abwehr der Vermischung, sozusagen ein Drang zum Erhalt der Differenz, auch durch die neuesten Erkenntnisse der Soziobiologie bestätigt, die am Menschen ? analog zu anderen natürlichen Arten und Gattungen ? einen aggressiven Trieb zum Schutz seiner Gruppe und zur Verteidigung ihrer Grenzen oder gar ihres Territoriums festgestellt habe.4
Auf der Ebene alltäglicher Politik und in aktuellen Diskussionen über Migration, Asylgesetzgebung und die Frage der Einwanderung findet sich die so aufwendig abgeleitete Ablehnung der Kulturvermischung sehr schnell in Segregations- und ?Grenzen dicht?-Positionen wieder, sowie in der Entschuldigung oder gar Rechtfertigung fremdenfeindlicher Ressentiments und Gewalttätigkeiten innerhalb der sich als einheimisch, dazugehörig oder normal imaginierenden Bevölkerungsteile.5
Zwar weist das zweite Feld des modernisierten Diskurses einen unverminderten Bezug zur Biologie auf. Das ideologisch Neue jedoch spielt sich dort ab, wo sich die Sprecher mit dem Rekurs auf Kultur von der Rasse abwenden. Diese Auswechslung der Begriffe ist keineswegs ein bloßer Oberflächeneffekt: Wenn im neo-rassistischen Diskurs ?Kultur? gesagt wird, dann ist damit wirklich, strukturell und in der Tiefe der Begrifflichkeit etwas anderes gemeint als mit der ?Rasse? der alten biologistischen Rassisten.
Auf die Spur dieses tatsächlich anderen Sinns gelangt man durch die Frage, wie ? durch die Darstellung welcher Merkmale im einzelnen ? die differentialistischen Rassisten überhaupt die von ihnen so oft genannten kulturellen Einheiten beschreiben. Woraus etwa besteht in ihren Augen die deutsche Ethnie, was zum Beispiel hält die Mitglieder der europäischen Völker zusammen, und in welchen Kennzeichen gleichen sich eigentlich die Angehörigen der islamischen Kultur? So fragt man und findet: nichts.
...wenn man daran glaubt
Außer ein paar vagen Sätzen über ?bestimmte Sitten, Gebräuche und Werte?, die angeblich von allen einer Kultur zuzurechnenden Individuen geteilt würden (aber merkwürdigerweise niemals näher ausgeführt sind), und einigen eleganter und wissenschaftlicher formulierten, jedoch ähnlich nichtssagenden Wendungen über die »Identität der ethologischen Regeln ..., die über identische Transformationsprozesse strukturell (qualitativ und statistisch) identische Verhaltensweisen hervorbringt«, 6 lassen sich in den Diskursen der Neo-Rassisten keinerlei Antworten auf die konkreten Fragen nach der Kultur finden. Unterstrichen wird dieser Eindruck von dem vakuumartigen Charakter der kulturalistischen Rede noch durch markige Aussagen über den Wert der Differenz an sich ? »Unterscheiden zu können, zwischen ?Wir? und ?Die?, das macht ?kulturelle Identität? aus«, so schreibt der deutsche Neu-Rechte Marcus Bauer 7 ? oder durch abstrakte Hinweise auf eine »spezifisch menschliche ?Dimension?«, von der man nun ? in Abgrenzung vom alten Biologismus ? sprechen müsse und die »vor allem durch das Geschichtsbewußtsein gekennzeichnet [ist] und durch die Kultur, die dessen Produkt ist« (Benoist, a.a.O., 58f). Die beiden Definitionen sagen nichts anderes, als dass sich eine spezifische Kultur erst und nur durch das Unterscheiden und Spezifizieren dieser Kultur ergebe, bzw. dass sie sich nicht einmal durch die gemeinsame reale Geschichte einer Gruppe von Menschen, sondern, noch weit luftiger, durch das Bewusstsein einer solchen Geschichte bilde. So scheint der zentrale Begriff des Neo-Rassismus schnell geklärt: Kultur ist, wenn man daran glaubt.
Der kulturalistische Rassismus versteckt seinen Mangel an angebbarem Inhalt jedoch nicht als Manko, sondern trägt ihn als Plus vor sich her und stellt ihn in einen Zusammenhang mit der Kraft des menschlichen Bewusstseins, auf die man doch nur stolz sein könne: Kultur, so wird dann ganz offen propagiert, sei ? selbstverständlich ? nicht per se ?da?, nicht als materielles Phänomen und unabhängiges Ding oder Essenz schon vorhanden und beschreibbar, sondern sie bilde sich, ganz recht, erst im Verhältnis zum Anderen und vor allen Dingen: erst in einem Akt, in einer Anstrengung des Willens, in einer artifiziellen, mindestens aber subjektiven Konstruktion. Der Kultur-Begriff des neo-rassistischen Diskurses hat sich in der Tat wirklich, strukturell und bis in die Tiefen seiner a priori-Modalitäten hinein weit von dem der Rasse entfernt, indem er ? im Gegensatz zum schweren Biologismus, der mit seinen Selbstbegründungen in Wahrheit außerordentlich dick auftrug ? leer, leicht und dünn geworden ist: An die Stelle des alten, kruden Objektivismus und seines Bezugs auf determinierende Kennzeichen und Essenzen lässt die neue Ideologie geradezu eine gegenteilige Rationalitätsform treten: ein Denken in Relationen und eine konstruktivistische Sicht.
An dieser Stelle wird schließlich offenbar, warum Foucaults Instrumente für die Analyse des kulturalistischen Rassismus allein nicht ausreichen: Relationale und konstruktivistische Denkweisen sind die tragenden Pfeiler einer typisch postmodernen Art, die Welt zu betrachten. Foucault aber war vollkommen auf die Kritik der Moderne konzentriert und hielt, als selbst Postmoderner, wohl zuviel vom Relationismus und Konstruktivismus ? d.h. von ihrem theoretischen und politischen Potential gegen den dicken Objektivismus der Moderne mitsamt ihren Biologismen, Medizinismen und Rasse-Konzepten ?, als dass er uns viel weiterhelfen könnte, wenn diese Positionen plötzlich auf der Seite des zu kritisierenden Objekts erscheinen. Mit anderen Worten: Für die Demontage eines postmodernen Rassismus ist ein postmodernes Werkzeug nicht das geeignetste. In Verbindung mit der »noch-modernen« kritischen Theorie Horkheimer/Adornos können Foucaults Thesen jedoch zur Anlayse des Neo-Rassismus fruchtbar gemacht werden (wie, das lesen Sie im nächsten Heft).
Anmerkungen:
1 Kleine Auswahl diesbzgl. wichtiger Texte: Martin Barker: »The New Racism. Conservatives and the Ideology of the Tribe«, London 1981; Pierre-André Taguieff: »Die Macht des Vorurteils. Der Rassismus und sein Double«, Hamburg 2000; Etienne Balibar: »Gibt es einen ?Neo-Rassismus??«, in: Das Argument, Heft 175 (1989), S. 369-380; sowie Das Argument, Sonderheft 195 (1992) mit dem Titel »Anti-Rassismus Methodendiskussion«.
2 M. Foucault: »Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1«, Frankfurt/Main 1983 (Erstveröffentlichung 1976), S. 70/71.
3 M. Foucault: »Leben machen und sterben lassen. Zur Genealogie des Rassismus«, in: Lettre International, Heft 20, Frühjahr 1993, S. 66.
4 Versatzstücke der neo-rassistischen Argumentation finden sich in vielen fremdenfeindlichen Alltags- oder Mediendiskursen; es sind jedoch die politischen und intellektuellen Gruppierungen der Neuen Rechten, die als eigentliche Träger des ausformulierten ideologischen Gebäudes ? von ihnen selbst ?Ethnopluralismus? genannt ? gelten können. Dazu: Hans-Gerd Jaschke: »Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder«, Opladen 1994; Mark Terkessidis: »Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte«, Köln 1995.
5 Insgesamt kann der Neo-Rassismus ? weniger expansiv als abwehrend ? als Reaktion auf die postkoloniale historische Situation mit ihrer Umkehrung der Migrationsrichtung verstanden werden, so wie er andererseits ein zugleich angstvoller und borniert-gewalttätiger Versuch ist, diese Situation zu steuern (s. Stuart Hall: »Rassismus als ideologischer Diskurs«, in: Das Argument, Heft 178 (1989), S. 913-921). Zum historischen Hintergrund neuerer Rassismen: Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS): »The Empire Strikes Back. Race and racism in 70s Britain«, London 1982.
6 So der Cheftheoretiker der französischen Neuen Rechten Alain de Benoist in seiner Schrift »Kulturrevolution von rechts: Gramsci und die Nouvelle Droite«, Krefeld 1985, S. 57.
7 Marcus Bauer: »Vielfalt gestalten«, in: Stefan Ulbrich (Hg.): »Multikultopia. Gedanken zur multikulturellen Gesellschaft«, Vilsbiburg 1991, S. 138.
Angelika Magiros ist Politologin und lebt in Marburg. Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den sie im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Jour-fixe-Initiative Berlin gehalten hat. |